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Ausgespäht durch Handy-Apps Gefahr für die innere Sicherheit

Viele Apps auf unseren Handys bestimmen Standorte – so lassen sich beispielsweise Fahrtrouten bequem berechnen. Das Problem: Plattformen im Internet bieten diese Daten zum Verkauf an. Wir konnten über solche frei verkäuflichen Daten mehrere Mitarbeiter von Ministerien und Nachrichtendiensten identifizieren.

Von: Katharina Brunner, Rebecca Ciesielski, Florian Heinhol, Maximilian Zierer

Stand: 16.07.2024 |Bildnachweis

ARD Player Poster
Das Bild zeigt die Umrisse des Nato-Truppenübungsplatzes in Grafenwöhr in der Oberpfalz. Darauf befinden sich blaue Punkte: 200.000 einzelne Standortdaten von potentiell sicherheitsrelevanten Personen. | Bild: MapTiler/OpenStreetMap/Katharina Brunner
Ausgespäht durch Handy-Apps: Gefahr für die innere Sicherheit

Diese Recherche führt uns auf die Spur hochrangiger Sicherheitsbeamter in Deutschland. Eine Gefahr für die nationale Sicherheit? Es geht um Millionen Bewegungsdaten. 

"Nach dem Essen war die Person im Kino und das ist hier. Das sieht man auch in den Daten."

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Später stellen wir fest: Es handelt sich um eine Top-Persönlichkeit des deutschen Sicherheitsapparats. Es geht um diesen Datensatz, den wir über einen Online-Marktplatz erhalten.

"Das ist ein krasser Fall - das Bundesamt für Verfassungsschutz. Das ist eine US-Militäranlage. Ramstein. Und von dort zum Geheimdienst gefahren. Okay, das ist krass."

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Riesiger Markt für Standort-Handydaten

Im Internet existiert ein riesiger Markt für Handydaten von Millionen Menschen, die wahrscheinlich keine Ahnung haben, dass ihre Bewegungsdaten gesammelt und verkauft werden. Daten, die zeigen, wo sich Menschen aufhalten.

In den Daten stehen zwar keine Namen, auf den ersten Blick sieht man also nicht, um wen es sich handelt. Aber wir sehen, wo Millionen Menschen ... arbeiten und wohnen, Sport machen, einkaufen. Besonders heikel: Bordellbesuche, Klinikaufenthalte. Können wir so die Personen dahinter identifizieren?

Die Recherche führt uns nach Berlin - hier im Regierungsviertel, liefert der Datensatz etliche Treffer aus Handys, die wir an brisanten Orten lokalisieren können:

  • Im Bundeskanzleramt.
  • Im Bundestag.
  • Im Innenministerium.
  • Im Verteidigungsministerium.
  • Beim Bundesnachrichtendienst.

Personen in Bundesministerien lassen sich lokalisieren

Wir wollen wissen: Ist das ein Problem für die nationale Sicherheit. Wie viel können wir über Menschen herausfinden, die in den sensibelsten Bereichen arbeiten?

Wir zeigen unsere Recherchen Konstantin von Notz. Er ist Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das die Nachrichtendienste kontrolliert.

"Dafür könnten sich potenziell natürlich alle ausländischen Nachrichtendienste, vor allen Dingen die uns nicht freundlich gesonnenen, interessieren. Man denkt an Russland, China, Iran."

Konstantin von Notz, Bündnis90/Die Grünen, Vorsitzender Parlamentarisches Kontrollgremium

Die Daten eines Handys schauen wir uns genauer an. Wir können sie in einem sicherheitsrelevanten Bundesministerium und im Bundestag lokalisieren.

"Das ist ein maximales Sicherheitsproblem!"

Konstantin von Notz, Bündnis90/Die Grünen, Vorsitzender Parlamentarisches Kontrollgremium

Was werden wir noch über das Handy und die Person dahinter herausfinden? Es geht um mehr als 10.000 Datenpunkte. Die Person und ihr Alltag - für uns ein offenes Buch.

Die Person geht am Alexanderplatz in einem Elektromarkt und verschiedenen Kaufhäusern einkaufen Ihren Namen kennen wir noch nicht, dafür ihren Arbeitsweg. Sogar die exakte S-Bahnlinie, mit der die Person jeden Abend nach Hause pendelt.

Werden uns die Daten zur richtigen Wohnadresse führen?

Wer verbirgt sich hinter den Bewegungsdaten. Werden uns die Daten zur richtigen Wohnadresse führen? Tatsache ist: Fast jeder erzeugt solche Daten, die dann möglicherweise im Internet zum Kauf angeboten werden.

Viele Handy-Apps fragen nach dem Installieren nach Standortdaten. Wer zustimmt, gibt immer wieder Ortsdaten über das Handy preis. Das ist interessant für die Werbeindustrie - aber eben auch für Nachrichtendienste.

Bei unseren Recherchen haben wir mit dem Onlinemedium Netzpolitik.org, das sich für digitale Freiheitsrechte einsetzt, kooperiert. Sebastian Meineck hatte den Datensatz als Gratisprobe von einem der Händler im Netz erhalten.

"Es war verstörend einfach, an diesen Datensatz ranzukommen. Wir haben uns einfach mit echtem Namen und der Adresse der Redaktion auf einem deutschen Marktplatz registriert. Und wir haben gefragt: Wer hat Ortsdaten aus Deutschland. Und dann wurden wir blitzschnell mit mehreren Firmen verkoppelt, die genau sowas im Angebot haben."

Sebastian Meineck, Redakteuer Netzpolitik.org

Ein Abo mit Daten aus 150 Ländern kostet rund 14.000$ pro Monat. Daten nur für Deutschland gibt es schon ab 2000 Euro.

"Datenhändler haben gesagt: Das sind Standortdaten von allen möglichen Apps. Navigation, Wetter, Gaming, Dating, potenziell jede App auf dem Markt."

Sebastian Meineck, Redakteuer Netzpolitik.org

Wir sind weiter auf der Spur der Person aus dem Datensatz, die allem Anschein nach in einem sicherheitsrelevanten Ministerium arbeitet?

Die Bewegungsdaten führen uns in ein Wohngebiet im Großraum Berlin. Wir parken mehrere hundert Meter entfernt und warten. Wenige Minuten später....

Name leicht zu identifizieren

Reporterin: "Und?"
Reporter: "Ich hab den Namen. Steht auf dem Klingelschild."
Reporterin: "Bekannter Name?"
Reporter: "Beep! Kannst mal suchen!"

Wir suchen den Namen im Internet. Und finden ihn sofort.

Reporterin: "Ah ok!"
Reporter: "Ja, ist schon krass!"

Keine Einzelfälle

Tatsächlich handelt sich um eine Top-Persönlichkeit im deutschen Sicherheitsapparat. Jetzt haben wir ihren Namen,  wissen, wo sie sich im Alltag und im Berufsleben aufhält. Für Konstantin von Notz ein untragbarer Zustand.

"Wenn Sie wissen, wie Menschen sich verhalten, und bewegen, dann sind sie ausspionierbar,... zu bestechen. Am Ende des Tages kann es so nicht sein und darf es so nicht sein."

Konstantin von Notz, Bündnis90/Die Grünen, Vorsitzender Parlamentarisches Kontrollgremium

Und es handelt sich mitnichten um einen Einzelfall. Die gleiche Recherche hätten wir mit Mitarbeitern aus allen möglichen sicherheitsrelevanten Behörden und Ministerien machen können:

  • Am Hauptsitz des Bundesverfassungsschutzes in Köln Chorweiler fanden wir 2600 Standortdaten.
  • Beim Militärischen Abschirmdienst sehen wir in unserem Datensatz rund 8000 Datenpunkte.
  • Und auf dem NATO-Truppenübungsplatz in Grafenwöhr fanden wir fast 200.000 Standortsignale aus Handys.

Überall finden wir Ortsdaten, mit denen wir Personen mit wenig Aufwand identifizieren könnten.

Macht eine Gesetzeslücke den Datenhandel legal?

Der Betreiber der Internet-Plattform, über die der Datenhandel abläuft, die Firma Datarade, hat ihren Sitz in Berlin. Die Firma ließ mehrere Anfragen des BR und von netzpolitik unbeantwortet.

Wie kann es sein, dass so ein Geschäftsmodell mitten in der Hauptstadt betrieben wird? Wir zeigen unsere Recherche der designierten Bundesdatenschutzbeauftragten. Ist das nicht ein Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung, die DSGVO?

"Da liegt der Hund tatsächlich begraben. Der Datenmarktplatz ist ja im Prinzip ein Makler, der verarbeitet keine personenbezogenen Daten selbst. Und wenn da keine personenbezogenen Daten selbst verarbeitet, dann gilt für ihn nicht die DSGVO. In gewissem Sinne ist das eine Regulierungslücke, die wir haben."

Prof. Louisa Specht-Riemenschneider - designierte Bundesdatenschutzbeauftragte

"Ich glaube, dass der Gesetzgeber hier eine Verantwortung hat, solche fragwürdigen Praktiken zu unterbinden."

Konstantin von Notz, Bündnis90/Die Grünen, Vorsitzender Parlamentarisches Kontrollgremium

Auf Anfrage schreiben uns mehrere betroffene Behörden,  dass man sich der Gefahr bewusst sei: "Das Bundesamt für Verfassungsschutz trifft geeignete Maßnahmen zum Schutz seiner Mitarbeitenden."

Das Bundesinnenministerium konkretisiert: "Dazu gehört neben zahlreichen Schutzmaßnahmen auch die Sensibilisierung der Beschäftigten."

Und das Verteidigungsministerium versichert: "Alle Angehörigen der Streitkräfte werden regelmäßig (...) zur Nutzung von privater und dienstlicher IT (...) sensibilisiert und belehrt."

Unser Datensatz zeigt, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen. Übrigens: Wir haben Kontakt zu der hochrangigen Sicherheitsperson aufgenommen um sie zu warnen, dass ihre Daten im Netz gehandelt werden. Sie hat unsere Recherchen zu ihren Aufenthaltsorten bestätigt. Bis der Gesetzgeber einschreitet, gibt es nur eine Alternative: Standortdaten am Handy möglichst ausschalten.

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Jerry G., Mittwoch, 17.Juli 2024, 10:41 Uhr

2. Unglaublich schlecht recherchiert

Dass Sicherheitsbehörden nicht ausreichend für dieses Problem sensibilisiert sind, ist bekannt und dennoch schockierend. Aber für den Durchschnittsnutzer sind diese Informationen einschließlich Empfehlung völlig überzogen.

Location-Services komplett zu deaktivieren, ist für den Normalanwender völliger Unsinn. Man deaktiviert damit einen Großteil wichtiger Funktionen des Gerätes, die in einigen Fällen sogar lebensrettend sein können. Vielmehr sollte man darauf achten, welche Apps von welcher Quelle man installiert und welche Rechte man ihnen gibt. Und veretraut man Apple bzw. Google hier nicht, dann gibt einem die komplette Deaktivierung auch nicht mehr Sicherheit.

Die Aussage der Datenschutzbeauftragten ist bedenklich, denn auch Daten, anhand derer Personen indirekt identifiziert werden können, fallen unter die DSGVO. Mag aber auch an der Fragestellung der Reporter gelegen haben.

  • Antwort von Die Redaktion, Mittwoch, 17.Juli, 13:46 Uhr anzeigen

  • Antwort von Noske, Mittwoch, 17.Juli, 16:34 Uhr anzeigen

  • Antwort von Jerry G, Mittwoch, 17.Juli, 18:09 Uhr anzeigen

  • Antwort von Die Redaktion, Donnerstag, 18.Juli, 13:50 Uhr anzeigen

  • Antwort von Noske, Donnerstag, 18.Juli, 16:04 Uhr anzeigen

  • Antwort von Kurt T., Freitag, 19.Juli, 10:44 Uhr anzeigen

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Rene K., Mittwoch, 17.Juli 2024, 01:24 Uhr

1. Neuland - Medienkompetenz - Snowden

Sehr guter Bericht, der im Grunde aber nichts Neues ist. Die Taschenlampen-App mit Internetzugangsberechtigung ist der uralte Zopf der App-Geschichte. Das Thema Berechtigungen bei Android-Apps ist in aller Regel ein Buch mit sieben Siegeln. Kleingedrucktes interessiert den Normalnutzer sowieso nicht, bzw. kann sie ohne technisches und juristisches Wissen nicht einordnen. AGBs sind deshalb bewusst ausführlich gehalten.
User freuen sich über tolle, neue Funktionen und verdängen das Thema mit der Begründung: "Ich habe ja nichts zu verbergen". Falsch, denn sie wissen nicht, was sie verbergen sollten bzw. müssen.
Snowden hat einen kleinen Einblick über die staatlichen Möglichkeiten gegeben. So gesehen weniger ein Problem. Private Adress- und Datenhändler sehe ich dagegen als weit größere Gefahr, da sie kaum Regeln unterliegen und Daten an x-beliebige interessierte Kreise verkauft werden. Spionage von fremden Mächten über frei erhältliche, sensible Daten.
Respekt!

Dran bleiben, BR.

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