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"Riesige Hilfsbereitschaft" Aus OEZ Geflüchtete finden Unterschlupf bei Anwohnern

Hinter Christine Kerler liegen Stunden der Angst: Die BR-Reporterin wollte gerade im Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) ein Buch kaufen, als nicht weit von ihr die Schüsse fielen. Sie floh mit anderen Kundinnen in einen benachbarten Wohnblock, wo sie zum Glück Unterschlupf bei einer Brasilianerin fanden - sogar bis zum frühen Morgen.

Von: Christoph Dicke

Stand: 23.07.2016 |Bildnachweis

Brasilianerin gewährt Unterschlupf | Bild: BR/Christine Kerler

Die Leute rennen. Panik, Schreie, Tränen. Wo eben noch Kunden fröhlich shoppten, herrscht das Chaos. BR-Reporterin Christine Kerler (2. v. l.) steht ahnungslos in einer Buchhandlung im Olympiaeinkaufszentrum im Münchner Norden, als im Gang vor dem Laden das Gekreische anschwillt.

"Da waren weinende Kinder, da waren weinende Frauen. Ein Kind sagte gleich zu mir: Da wurde geschossen, da wurde geschossen!"

BR-Reporterin Christine Kerler, zufällig im OEZ München

Rennen, nur noch rennen

In diesem Wohnblock nahe dem OEZ fanden die Flüchtenden Unterschlupf

Da wurde der Mitarbeiterin der BR-Hörfunkredaktion Oberbayern schlagartig klar, dass es jetzt auch um sie selbst geht. Sie rennt mit den anderen Kunden um ihr Leben - direkt auf die nahen Wohnblocks zu. Eine Kundin klingelt an einem fünfstöckigen Haus am Werner-Friedmann-Bogen. Die Haustür geht auf. Christine Kerler rennt mit zwei Frauen immer weiter nach oben, während unten Schutzsuchende nachdrängen.

Da öffnet sich eine Wohnungstür: Zwei Brasilianerinnen bitten die Flüchtenden herein. Elisangela Oliveira, 33 Jahre alt, hat ihre Freundin zu Gast. Als es an der Tür klingelt, hat sie keinen Augenblick gezögert.

"Ich habe die Leute gesehen auf der Straße - eine Katastrophe. Mein Herz hat das gehört und die Tür geöffnet."

Elisangela Oliveira, Anwohnerin des OEZ

Brasilianerin bietet den Geflüchteten Schlafplätze an

Die Schlafplätze sind schnell eingerichtet, im TV verfolgen die Frauen die Lage vor ihrer Tür

Die Polizei ruft die Bevölkerung auf, in den Häusern zu bleiben. Die möglichen Täter seien noch flüchtig. Die Brasilianerin bietet den drei Frauen an, bei ihr zu übernachten. Die sind erleichtert. Schnell hat die 33-Jährige die Wohnzimmercouch zum Bett umgebaut und provisorische Schlafplätze eingerichtet.

Die Frauen ratschen - über die Schüsse, das Chaos, die Angst. Elisangela Oliveira hat eine zehnjährige Tochter. Fünf Minuten vor dem Amoklauf wollte das Mädchen eigentlich mit Freunden im OEZ Klamotten kaufen. Ihre Mutter hat instinktiv Nein gesagt. Die sieht das nun als Fügung des Himmels.

Überwältigende Hilfsbereitschaft gegenüber fremden Menschen

Auch für Christine Kerler hat sich alles gefügt. Sie ist überrascht von der Hilfsbereitschaft gegenüber wildfremden Menschen.

"Die zwei Brasilianerinnen haben sofort gesagt: Ja, sie können hereinkommen. Das ist schon überwältigend gewesen. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Das war für sie selbstverständlich, uns die Tür zu öffnen."

BR-Reporterin Christine Kerler, geflohen vor dem Amokschützen

Elisangela Oliveira (links), Anwohnerin des OEZ, mit ihrer Freundin

Weil die Polizei auch am späten Abend noch keine Entwarnung geben kann, entschließt sich die BR-Kollegin zu bleiben. Sie geht zwischendurch auf den Balkon, gibt Interviews am Handy - für B5 aktuell und viele andere Sender. Schlafen kann sie eh' nicht in dieser Nacht, die sie nie vergessen wird. Im Negativen wie im Positiven. München ist in dieser Nacht des Schrecken zusammengerückt, menschlicher geworden.







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Barbara, Montag, 25.Juli 2016, 13:49 Uhr

13. Wie sagte der Psychologe Robert Bögle im Tagesgespräch?

Wenn ich mich nicht verhört habe, dann sagte er: "Wir müssen damit leben lernen!"
Nein, das müssen wir eben nicht! Alles, was wir lernen müssen, ist: im Frieden leben zu lernen!

  • Antwort von Cosi, Montag, 25.Juli, 17:15 Uhr anzeigen

  • Antwort von Barbara, Montag, 25.Juli, 21:49 Uhr anzeigen

  • Antwort von Cosi, Mittwoch, 27.Juli, 21:55 Uhr anzeigen

Wanninger, Montag, 25.Juli 2016, 12:02 Uhr

12. Hilfsbereitschaft gibts in allen Kulturen

Gut, dass dieser Beitrag nochmal nach vorne gerückt ist. Anderen spontan zu helfen, ist keiner Kultur fremd. Dass man es bei uns betonen muss, sagt mehr über unsere Kultur als über andere.
Schlecht, wie hier von einigen schon wieder kommentiert wird. Dafür drücke ich nur noch meine schwarz-weiß-Repeat-Taste. Darauf steht. das Leben ist eben komplexer als nur schwarzweiß.

Dazu noch ein weiteres Beispiel, das damals wie heute ein vergleichsweise geringes Medieninteresse fand: Gerne vernachlässigt wird der Amoklauf der Rechtsanwältin in Lörrach. Vielleicht auch, weil er jedes Schema sprengt.

Täterin: deutsche Akademikerin (so viel zum Thema "Werte").
Opfer: unter anderen der Krankenpfleger, der sich ihr in den Weg stellte. Er war Deutscher, in Somalia zum Islam konvertiert, hatte dort mit seiner somalischen Frau den Bürgerkrieg überlebt und wurde anschließend von einer amoklaufenden narzistisch gekränkten Anwältin im sauberen Deutschland über den Haufen geschossen.

  • Antwort von Thomas, Montag, 25.Juli, 13:43 Uhr anzeigen

Erich, Montag, 25.Juli 2016, 10:43 Uhr

11. Bravo Angie M.

Du hast es geschafft, daß die deutschen sich von ihrer besten Seite zeigen und Türen öffnen. Ohne unsere Islamischen Gäste wären wir dazu niemals fähig/gezwungen gewesen. Danke Angie!

Roland, Montag, 25.Juli 2016, 10:38 Uhr

10. Vorname des Täters

Hallo BR,

können sie den wahren kompletten Vornamen des Täters recherchieren. Es gibt unerhebliche unterschiedliche Ausprägungen des Namens in den Medien. Um hier Stimmungsmache von Rechten, vorauseilende Political Correctness oder 'Lügenpresse' Vorwürfe vorzubeuegen bitte den KORREKTEN Vornamen veröffentlichen.

Danke

Leipzscher, Montag, 25.Juli 2016, 09:34 Uhr

9. Die Realität holt auch die Bayern ein, leider mit schlimmen Nebenerscheinungen!

Grüße aus Dunkeldeutschland! Es ist nicht zu übersehen und zu überhören - ihr wolltet den letzten Terrorakt als Tat eines psychisch Gestörten hinbiegen, auch die Macheten-Bluttat deckeln, aber nun werdet ihr doch zugeben müssen, dass der islamistische Terror in Bayern angekommen ist. Ihr tut euch noch schwer, aber es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen! Diese Hätschelei durch euch Medien und die peinlichen Versuche des Ministers Herrmann um den heißen Brei herumzureden, kann uns Mediennutzern nur die eine Schlussfolgerung geben: Man kann euch nichts mehr glauben!