Martin Sperr Landluft und Höllenschwaden
Ein Hauch von Skandal weht die ganzen 57 Jahre seines Lebens um diesen Sperr: Er hasst die Provinz, wie es nur einer aus der Provinz kann. In den großen Städten haben seine "Jagdszenen aus Niederbayern" Erfolg. Beim Reifenwechsel holt den Rastlosen das Schicksal ein.

Geboren wird Martin Sperr 1944 unweit von Dingolfing am Ufer der Vils – ein sanfter Fluss in brutaler Zeit. Sperrs Lebenslinie gleicht einem groben Zickzack: Eine schwierige Kindheit, jäher Ruhm ohne Bestand, Landleben und Großstadt im Wechsel, eine beeindruckende Liste abgebrochener Ausbildungen und ausprobierter Berufe, schließlich eine Krankheit mit schwankendem Verlauf. Wann immer Martin Sperrs Leben eine Richtung zu nehmen scheint, ist der Wendepunkt nicht weit.
Heimatsuche auf der Bühne
Arrangieren mag sich der Lehrersohn von Anfang an nicht. Nicht mit den Barmherzigen Brüdern, auf deren Internat er geht, nicht mit dem Brotberuf als Industriekaufmann, den die Eltern für ihn vorgesehen haben. Lieber versucht er sein Glück am Max Reinhardt-Seminar in Wien. "Mangels Begabung" ist er auch dort bald wieder draußen, wechselt er nach Bremen. Er jobbt als Hilfsarbeiter und Nachtportier, vor allem aber als Schauspieler und Regieassistent. Der richtige Ort zur richtigen Zeit: Um 1970 machen auch Zadek, Fassbinder und Peter Stein in Bremen Theater.
Auf offener Bühne, fern der unvertrauten Heimat stellt er seine Außenseiter-Erfahrungen ins Rampenlicht. Den Mut holt er sich von einer wieder entdeckten Volkstheater-Ikone aus Ingolstadt: Marieluise Fleißer, die, fast 70-jährig, die jungen Wilden Sperr, Fassbinder und Krötz "adoptiert" wie diese ihre Sprache adaptieren. Die zutiefst pessimistischen "Jagdszenen aus Niederbayern" werden sein erster und einziger Triumph, mit dem Gerhart-Hauptmann-Förderpreis ausgezeichnet und verfilmt. 1967 reüssiert Sperr als Schauspieler und Hausautor der Münchner Kammerspiele. Seine vier Stücke aus dieser Zeit gehören für einige Jahre zum Stamm-Repertoire deutscher Bühnen und machen ihn zum gefragten Stofflieferanten des Autorenkinos.
Schicksalsschlag beim Reifenwechsel
1972 holt ihn das Unglück ein: Beim Reifenwechsel platzt dem Pendler einer Ader im Gehirn. Über Jahre bleibt er halbseitig gelähmt. Gedächtnisstörungen, epileptische Anfälle und Hungerattacken stören seine Produktivität empfindlich. Erfolglos versucht er sich als Koch und besucht eine Massageschule, erfolgreicher agiert er auf der Bühne. Hin und wieder steigt er noch hinab ins bayerische Volksleben vergangener Tage und fördert faszinierende Biografien ans Licht: film- respektive bühnenreif die Lebensgeschichte des Räubers "Mathias Kneißl" (verfilmt von Wilhelm Hauff) und der Bankrotteurin Adele Spitzeder (Peer Raben).
Soviel Aufregung die "Jagdszenen in Niederbayern" dort wie andernorts verursacht haben: dass ihr Autor ab den 80er-Jahren wieder in Landshut wohnt, kriegt außer einigen Interessierten kaum noch jemand mit. 2002 stirbt Sperr im Alter von 57 Jahren.
Werke (Auswahl)
Lebensdaten
* 14. September 1944 in Marklkofen/Niederbayern
+ 6. April 2002 in Landshut