Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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28. März 1932 Menschenfamilie gibt Adoptiv-Schimpansen zurück

Kann ein Affe lernen, sich wie ein Mensch zu verhalten? Winthrop Kellogg nahm die Schimpansin Gua in seine Familie auf. Sie wurde in Kleider gesteckt und lernte, mit einem Löffel zu essen. Doch plötzlich brach der US-Psychologe das Experiment ab. Autorin: Prisca Straub

Stand: 28.03.2022 | Archiv

28.03.1932: Menschenfamilie gibt Adoptiv-Schimpansen zurück

28 März

Montag, 28. März 2022

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Irina Wanka

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Wirklich süß die beiden, Donald und sein kleines Schwesterchen: die gleichen weißen Mützchen, die gleichen Söckchen - die gleichen Babyschuhe. Hand in Hand machen sie ihre ersten Schritte, fahren gemeinsam Dreirad, ziehen sich begeistert an den Haaren. Als der hellblond gelockte Donald eine dunkelhaarige Schwester bekommt, ist er zehn Monate alt. Gua ist drei Monate jünger - und ein Schimpansenmädchen.

Für das bizarre Familien-Experiment hatte Winthrop Niles Kellogg seinen Job an der Indiana University aufgegeben und war mit Sohn Donald und Ehefrau Luella nach Florida umgesiedelt. Das Primatenzentrum in Orange Park war bereit, dem 33-jährigen Verhaltenspsychologen ein Affenbaby zu überlassen. Das Schimpansenweibchen würde aber kein x-beliebiges Haustier werden. Nein! Gua sollte in jeder Hinsicht wie ein vollwertiges Mitglied der Kellogg-Familie aufwachsen.

Affenbaby und Menschenkind

Lässt sich ein Affe zu einem Menschen erziehen? Ehefrau Luella hatte sich zunächst gesträubt, ein Schimpansenbaby zu adoptieren, aber letztlich klein beigegeben. Jetzt wird sie eingebunden in einen straff organisierten Arbeitsablauf - sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Professor Kellogg nimmt sein Langzeitexperiment sehr genau. Er führt penibel Buch: Keinesfalls soll Gua behandelt werden wie ein Affe. Und Kleinkind Donald darf unter keinen Umständen überdurchschnittlich oft geherzt werden! Die Zuwendung ist streng reglementiert, die Stoppuhr läuft mit. Winthrop Kellogg verzeiht keine Schlamperei. Auch nicht bei der Filmkamera: gleicher Tagesrhythmus, gleiche Schlafanzüge - in ihren Babystühlchen baumeln Guas behaarte Beine mit Donalds weißen Waden um die Wette.

Während Luella also Menschenkind und Affenbaby im Kinderwagen umherschiebt, legt der Professor umfangreiche Tabellen an. Dokumentiert detailversessen Körpergröße, Blutdruck, Entwicklungsfortschritt. Wer lernt schneller, mit dem Löffel zu essen? Der Affe! Wer geht zuverlässiger aufs Töpfchen? Der Affe! Mit dem Klemmbrett unter dem Arm tüftelt Kellogg immer neue Versuchsreihen aus. Auch wenn es darum geht, komplexe Aufgaben zu lösen, scheint Gua bald die Clevere zu sein.

Keuchendes Bellen

Und dann, am 28. März 1932, ist das Experiment ganz plötzlich zu Ende. Nach neun Monaten brechen die Aufzeichnungen unvermittelt ab. Warum? Winthrop Kellogg gibt überraschend wenig preis. Gut möglich, dass Luella es satthatte, ihren Sohn nicht lieber haben zu dürfen als das Schimpansenkind. Außerdem legte Donald inzwischen ein befremdliches Verhalten an den Tag: Offenbar hatte das Kleinkind damit begonnen, Guas Futterlaute zu imitieren. Eine Art keuchendes Bellen, wenn er hungrig war. Mit 19 Monaten leckte Donald Speisereste vom Boden, knabberte an seinen Schuhen - und sprach so gut wie kein einziges Wort. Andere Kinder seines Alters begannen, Sätze zu bilden. Donald kannte fast nur den Namen seiner Schwester: Gua.

Jetzt war also Schluss. Gua kehrte in das Primatenzentrum in Orange Park zurück. Die Kelloggs zogen wieder nach Indiana. Donald konnte seine verzögerte Sprachentwicklung ausgleichen. Er studierte Medizin. Und wurde Psychiater.


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