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Übergewicht Abnehmen, aber wie?

Jedes Jahr aufs Neue der gute Vorsatz, der Versuch während der Fastenzeit: endlich Abnehmen. Vielleicht gelingt es sogar für ein paar Wochen oder Monate, doch irgendwann kommt der Rückfall. Wie geht es, neue Essgewohnheiten dauerhaft zu etablieren?

Von: Katharina Hübel, Klaus Schneider

Stand: 14.06.2022 |Bildnachweis

Abnehmen | Bild: imago / Revierfoto

Abnehmen funktioniert nicht mit Crash-Diäten, auch nicht mit extremen Umstellungen wie plötzlich gar keinen Zucker mehr zu sich zu nehmen oder überhaupt keine Kohlenhydrate mehr zu essen. Diese Ansicht hat sich in der Ernährungsmedizin durchgesetzt, dennoch gibt es immer wieder neue Ernährungstrends.

Expertin:

Prof. Dr. Yurdagül Zopf
Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen / Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Wie viel sie bringen, für wen sie was sind und wo ihre Grenzen liegen – dazu gibt Professorin Dr. Yurdagül Zopf Antworten. die sich an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg speziell mit klinischer und experimenteller Ernährungsmedizin beschäftigt,. Sie betreut viele Patient*Innen, die verzweifelt sind, weil sie schon zahlreiche Diäten in ihrem Leben durchgemacht haben und immer noch stark übergewichtig sind und unter Folgeerkrankungen leiden. Sie begleitet sie bei dem Prozess, alte Gewohnheiten aufzugeben und neue Essmuster zu etablieren. Ihr Anliegen: dass die Ernährungsumstellung dauerhaft funktioniert.

Der vorliegende Text beruht auf einem Interview mit Professorin Dr. Yurdagül Zopf, Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen / Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Fast jeden stören irgendwann im Leben Speckröllchen, Bierbauch oder Doppelkinn. Doch wer muss wirklich abnehmen? Bei wem ist zu viel Fett wirklich ein gesundheitliches Risiko? Und wer darf entspannter mit ein paar Kilos zu viel umgehen?

Yurdagül Zopf, Professorin für Ernährungsmedizin in Erlangen, beobachtet eine massive Zunahme adipöser Menschen in Deutschland. Aktuelle Daten zeigen, dass etwa jeder vierte Mann und jede fünfte Frau krankhaft fettleibig ist; vor wenigen Jahren waren es noch unter 20 Prozent. Was ihr vor allem Sorge bereitet, ist, dass auch viele Kinder und Jugendliche betroffen sind und der Anteil Übergewichtiger vom Kindergarten- über das Grundschul- bis zum Jugendalter deutlich ansteigt. Für Erwachsene gilt, dass ab einem Body-Mass-Index (BMI) von über das Risiko für verschiedenste Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs erhöht ist.

"Leichtes Übergewicht von einem BMI zwischen 25 und 29 mag man selber vielleicht nicht so gerne sehen, muss aber nicht problematisch sein. Ab einem BMI von 30 sieht das anders aus, insbesondere bei der bauchbetonten Fettleibigkeit. Diese Patient*Innen sollten dringend abnehmen, wenn sie dauerhaft gesund bleiben möchten."

Prof. Dr. Yurdagül Zopf, Professorin für Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen

Beim Abnehmen geht es nicht darum, den nächsten Modelwettbewerb zu gewinnen, sondern darum, ein Gewicht dauerhaft zu halten, das gesund ist. Ein paar Kilo zu viel sind vielleicht ein ästhetisches Problem, jedoch kein medizinisches. Mit zunehmendem Alter sollte man auch besonders auf seine Muskulatur achten.

"Der Muskelaufbau wird irgendwann immer schwieriger, weil man nicht mehr so intensiv Sport machen kann, wie als junger Mensch, wenn zum Beispiel die Gelenke nicht mehr mitmachen. Leider muss man geduldiger sein, auch weil sich der Stoffwechsel über die Jahre umstellt und dadurch ein Muskelaufbau nicht mehr so leicht ist. Prozesse dauern länger."

Yurdagül Zopf, Professorin für Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen

Ein paar Kilo zu viel bei gesundem Lebenswandel sind auch nicht schädlich, im Gegenteil: im Alter ab 65 Jahren werden sie sogar zum Vorteil.

"Bei den älteren Patient*Innen wissen wir, dass es von Vorteil ist, wenn sie ein etwas höheres Körpergewicht haben. Und – egal, in welchem Alter: Wenn jemand adipös ist, also schwer übergewichtig, sollte er das Zuviel an Fett abbauen und einen BMI von unter 30 anstreben."

Yurdagül Zopf, Professorin für Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen

Um gesund zu bleiben oder gesund zu werden, sollte abnehmen, wer einen BMI über 30 hat, vor allem bei einer bauchbetonten Adipositas. Der BMI wird errechnet aus einer Formel, bei der Körpergröße und Gewicht berücksichtigt werden. Der BMI sagt aber nichts über die Körperzusammensetzung aus. Denn wer sehr sportlich ist und sehr viel Muskelmasse hat, schneidet beim BMI genauso schlecht ab wie eine Person mit zu viel Körperfett. Dennoch ist der BMI für die meisten Menschen ein guter Richtwert. Der BMI berechnet sich nach Körpergewicht (Kilogramm) dividiert durch Körpergröße (Meter) im Quadrat.

Beispiel:

BMI-Berechnung:
83 kg : 1,88 x 1,88m = 23,48 kg/m² (d.h. ca. 23,5)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterteilt:

Personen mit Normalgewicht: BMI zwischen 18,5 und 24,9

Übergewichtige: BMI zwischen 25 und 29,9

Adipositas: BMI ≥ 30

Messung der Körperzusammensetzung

Zuverlässigere Aussagen über die Zusammensetzung des Körpers und das Gesundheitsrisiko liefert eine so genannte Bioimpedanzanalyse. Mittels dieser einfach anzuwendenden Messtechnik lässt sich relativ genau bestimmen, aus wie viel Fett, Muskel und Wasser sich ein Körper zusammensetzt. Dabei ist es entscheidend, wie viel Fett im Verhältnis zur Muskulatur ein Mensch hat und wie das Fett im Körper verteilt ist. Je höher der Fettanteil, je mehr Bauchfett und je geringer der Muskelanteil, desto höher ist das Risiko für bestimmte Erkrankungen – je nach Alter und Geschlecht. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Frauen in der Regel mehr Körperfett als Männer haben und auch ältere Menschen mehr als jüngere. Mit dieser differenzierten Messung können auch besser Erfolge bei einer Ernährungs- und Sporttherapie gesehen werden, wenn sich beispielsweise Muskelmasse auf- und Körperfett abbaut. So steigt auch die Motivation beim Abnehmen und Sporteln.

"Die Menschen, die zu mir kommen, sind häufig erschüttert, wenn sie von mir erfahren, dass sie von zu viel Fett krank werden können. Dieses Gesundheitsrisiko sollte den Menschen jedoch bewusster sein -  Ästhetik ist bei Adipositas eigentlich zweitrangig."

Prof. Dr. Yurdagül Zopf, Leiterin des Hector-Centers für Ernährung, Bewegung und Sport am Universitätsklinikum Erlangen