Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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7. August 1962 Volkacher Madonnenraub

Die Suche per Zeitung bringt die Volkacher Madonnen-Statute zurück in ihre Kirche. Die Räuber gehen hinter Gitter. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ihre Beute so berühmt ist. Autorin: Regina Fanderl

Stand: 07.08.2020 | Archiv

07.08.1962: Volkacher Madonnenraub

07 August

Freitag, 07. August 2020

Autor(in): Regina Fanderl

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Der Plot wär‘ sensationell gewesen für einen Franken-Tatort! Wenn es den damals schon gegeben hätte. Tatsächlich ist die Geschichte ist in echt passiert und bietet alles auf, was das Herz des Krimifreunds erfreut: Dumm-dreiste Räuber, ein unfassbar wertvolles Kunstwerk aus der Gotik, eine idyllische Location mit Weinstöcken drumherum, eine blendend aussehende Hauptfigur, ratlose Polizisten und eine völlig unerwartete Wendung.

Doch von vorne: Es ist der Morgen des 7. August 1962, circa 4 Uhr 20. Noch liegt sie im Dunkeln – die alte Wallfahrtskirche "Maria im Weingarten" hoch über dem romantischen Städtchen Volkach an der Mainschleife. Im benachbarten Pfortenhaus schreckt ein Geräusch die Tochter des Mesners aus dem Schlaf. Sie schaut aus dem Fenster, sieht, wie ein Tieflader das Gelände verlässt, und weckt den Vater auf. Zusammen laufen sie zur Kirche und sofort wissen sie: Hier waren Einbrecher am Werk. Ihre Beute: Die fast drei Meter große und drei Zentner schwere Lindenholz-Plastik der Rosenkranz-Madonna. Ein Meisterwerk des Würzburger Bildhauers Tilman Riemenschneider – entstanden um das Jahr 1523.

Die Madonna ist weg!

Mangels Telefon strampelt der Mesner mit dem Fahrrad nach Volkach und schlägt Alarm. Die Polizeibeamten erwartet in der Kirche ein erschütterndes Bild. Am Boden verstreut liegen abgebrochene Engelsflügel, die Hände musizierender Putti und etliche Holzsplitter des reich verzierten Rosenkranzes, der die Madonna umgibt. Offensichtlich ist er beim Abmontieren auf den Seitenaltar gestürzt. Verschwunden sind übrigens auch das wundertätige Gnadenbild "Anna Selbtritt" sowie zwei weitere Holzskulpturen. Aber das wird erst eine Woche später bemerkt.

Und es fehlt noch mehr!

Alarmanlage? Fehlanzeige! Der hohe Wert der gotischen Schnitzereien ist den meisten Leuten seinerzeit gar nicht bewusst.

Nicht einmal den drei auf Heiligenfiguren spezialisierten Kleinkriminellen, die frohgemut ihre Beute nach Bamberg transportieren. Sie erfahren erst vom vierten Komplizen, einem Bildhauer, dass es sich bei der Madonna auf dem Pritschenwagen um ein millionenteures Riemenschneider-Werk handele. Und so was könne man doch nicht verkaufen! Mist! Kurz wird überlegt, das Diebesgut zu verbrennen. Doch der Bildhauer salbt die Madonna mit Bohnerwachs und vergräbt sie auf seinem Grundstück.

Währenddessen tappt die Polizei im Dunkeln. Auch allabendliche Bitt-Andachten in der Kapelle bringen nicht den erhofften Erfolg.

Bewegung kommt erst in den Fall, als Ende August 1962 in rund hundert Zeitungen der Appell erscheint: "Gebt die Madonna von Volkach zurück!" Den Dieben wird Verschwiegenheit und ein Lösegeld von 100.000 Mark zugesichert. Jedenfalls: der Coup gelingt. Die Diebe geben ihre Beute zurück und kassieren erst einmal unerkannt das Lösegeld. Und das Fazit: Exakt ein Jahr später kehrt die Madonna, aufwendig restauriert, in die Volkacher Wallfahrtskirche zurück. Dort gibt es endlich eine Alarmanlage, Volkach wird berühmt. Die Diebe? Nun, die landen, weil einer im Suff plaudert, letztlich doch hinter Gittern.


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