Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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18. September 1977 Voyager 1 nimmt erstes Bild auf, auf dem Erde und Mond zusammen zu sehen sind

Lady Sunshine und Mister Moon kommen nicht zusammen, heißt es in einem Schlager: Ein Pärchen werden sie nie. Allerdings hängt das von der Perspektive ab. Voyager 1 nimmt die beiden sehr wohl aus Paar auf. Autorin: Katharina Hübel

Stand: 18.09.2020 | Archiv

18 September

Freitag, 18. September 2020

Autor(in): Katharina Hübel

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

1977 neigt sich dem Ende zu. Die Erde hat schon wieder fast ein Mal die Sonne umrundet. Millionen von Kilometern entfernt sieht es aus, als würde sie dabei tanzen. Der blaue Planet dreht sich beständig um sich selbst. September 1977. Hans Martin Schleyer wird von der RAF entführt. Kurz zuvor stirbt Elvis Presley. Einmal um die Sonne – was ist das schon? In Lichtjahren gerechnet? Von all dem, was die Menschen auf der Erdenkugel umtreibt, bekommt eine nichts mit: Die Raumsonde Voyager Eins.

Alle Reisezeit der Welt

Anfang September beginnt sie ihre Reise, von der NASA auf Mission zum äußeren Rand unseres Sonnensystems geschickt. Nur alle 176 Jahre stehen die Planeten so günstig, dass sich die Sonde von einem zum anderen "hangeln" kann, ohne zu viel Treibstoff zu verbrauchen: Sie wird einfach immer weiter geschubst – Gravitationsfelder und die Planetenbewegungen spielen dabei eine Rolle. 1977 – die Jahrhundert-Chance für Voyager.

Mit an Bord die akustische Schönheit der Erde auf Schallplatte gepresst: Geräusche, Sprachen, Musiken. Aus heutiger Sicht alles recht retro. Überhaupt unfassbar, dass die Voyager, nach vierzig Jahren schon fast 21 Milliarden Kilometer weit weg von der Erde, immer noch funktioniert – mit Codes aus der Urzeit des Programmierens. Sie sendet mit der Leistung eines Kühlschrank-Lämpchens, hat einen Arbeitsspeicher von gerade mal 64 Kilobytes. Damit geht nicht mal ein Smartphone. Aber die Raumsonde trotzt nach wie vor den Minus 253 Grad Celsius interstellarer Weltraum-Temperatur, irgendwo in der Milchstraße, wo es zwischen den Sternen nur noch schwarz ist.

Pionierin der Raumfahrt

2012 hat sie als erstes menschengemachtes Objekt unser Sonnensystem verlassen. Teile von Voyager Eins sind inzwischen abgeschaltet. Wie beispielsweise die Kamera, die am 18. September 1977 das erste ihrer vielen legendären Fotos schoss: Die Erde auf einem Foto vereint mit dem Mond. Zum ersten Mal. Aus 11,66 Millionen Kilometern Entfernung. Aus der Dunkelheit schälen sich die von der Sonne angestrahlten Kugeln heraus wie Liebespartner, die sich im Schummerlicht entblättern. Vorne die Erde, halb verschattet – weiter hinten: der Mond. Ein scheinbar schwereloses Liebesduett im All. Ein Hauch von Romantik im sonst so unterkühlten Weltall. Ein Bild, das die Menschen zutiefst bewegte. Zehntausende noch nie gesehene Bilder schickte Voyager Eins zur Erde: Die Blitze auf Jupiters Nachtseite, ein möglicher Ozean auf der Europa, aktive Vulkane auf Io, etliche bis dato unbekannte Monde, Nah-Aufnahmen von den Saturnringen, von denen manche miteinander verflochten sind. Und dann das Abschiedsfoto aus sechs Milliarden Kilometern Entfernung: Unser Sonnensystem in seiner Gänze. Die Erde darauf ein kleiner blasser Punkt.

Seither braust die Voyager blind mit 1,4 Millionen Kilometern am Tag dahin. In 225 Millionen Jahren kommt sie vielleicht wieder zurück in unsere Umlaufbahn. Ob dann noch jemand auf der Erde einen Plattenspieler hat? Und die goldene Platte an Bord überhaupt als Tonträger erkennen kann? Ob es noch Menschen gibt? Und selbst wenn: Was bedeutet dann schon das Jahr 1977? Ein Menschenjahr im Weltall – ein Funke im Schweif einer Sternschnuppe, umgeben von Galaxien.


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