Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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30. Juni 1908 Das Rätsel von Tunguska

Viel Sicheres weiß man nicht über das "Ereignis von Tunguska". Am 30. Juni 1908 glühte nach einem Knall in Sibirien nächtelang der Himmel, und am Boden fanden erstaunte Wissenschaftler danach 60 Millionen umgeknickte Bäume. Was war das? Oder: Wer war das?

Stand: 30.06.2011 | Archiv

30.06.1908: Das Rätsel von Tunguska

30 Juni

Donnerstag, 30. Juni 2011

Autor(in): Christiane Neukirch

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Wenn die Menschheit eines verbindet, dann ist das die Skepsis gegenüber Fremden. Sie ist schuld daran, dass wir über Migranten, Integration oder Leitkulturen diskutieren; und sie ist der Grund, dass wir lieber heimlich die Putzfrau verdächtigen als unser schlechtes Gedächtnis, wenn wir unseren Schlüssel nicht finden. Und dann sind da noch die Außerirdischen. Sie werden immer dann verdächtigt, wenn weder der neue Nachbar noch die Putzfrau in Frage kommen; wenn ein Phänomen sich nicht auf herkömmliche Weise erklären lässt. Zum Beispiel Kreise im Kornfeld, wie sie eine Zeitlang in Südengland auftauchten. Die Rufe der UFO-Fans verstummten erst, als sich das vermeintliche Spiel unirdischer Mächte als Streich zweier Rentner herausstellte.

Eindeutig kein Rentnerstreich war hingegen das, was am 30. Juni 1908 in Sibirien geschah: Früh um sieben wurden die Bewohner des Ortes Wanawara von ungeheurem Knallen aus dem Schlaf gerissen. Fenster barsten, Tiere verbrannten. Ein blendendes Glühen füllte den Himmel - nicht nur für Sekunden. Vier Nächte lang konnte man noch im 5.000 Kilometer entfernten London ohne Lampe Zeitung lesen. Erst viel später wurde klar, welch große Zerstörung das so genannte Ereignis von Tunguska angerichtet hatte: 60 Millionen Bäume auf einer Fläche so groß wie das Saarland waren umgeknickt wie Streichhölzer. Die Kraft, die sie umgeworfen hatte, schätzt man heute auf ein Tausendfaches der Hiroshima-Bombe. Damit kann das Ereignis als größte Explosion der Menschheitsgeschichte gelten. Nur weil das Gebiet so dünn besiedelt war, kamen nur wenige zu Schaden.

In den folgenden Jahrzehnten wateten Wissenschaftler durch den sibirischen Sumpf, machten Bilder aus der Luft, um Spuren einer Ursache zu entdecken, und fanden - nichts. Keine Meteoritenbrocken oder sonstige Dinge, die dort nicht hinpassten. Bis heute ist das Rätsel ungelöst.

Je länger die Forscher im Dunkeln tappten, desto reicher wucherten die Theorien. Und hier sind wir wieder bei den Aliens. Denn wer, wenn nicht sie, hätte genügend technische Möglichkeiten, eine solche über jedes irdische Maß hinausgehende Verwüstung anzurichten?

Interessant wird es aber bei den Erklärungen für ihr Motiv. Denn eine solche Zerstörung lässt ja am ehesten auf eine schlechte Absicht schließen. Doch weit gefehlt. Man hört vor allem Gutes: Einer Theorie zufolge versuchte eine Delegation der Dropa, ihre Lands- beziehungsweise Planetsleute nach Hause zu holen, die per Raumschiffbruch auf der Erde gestrandet waren. Der Versuch schlug fehl; ihr Raumschiff zerschellte in Tunguska.

Eine weitere Theorie spricht von noch größerem Altruismus. Sie besagt, dass die Besatzung eines außerirdischen Raumschiffs beobachtete, wie ein Meteorit auf die Erde zuraste. Heldenmütig warf sie sich in dessen Bahn und rettete damit die Menschheit vor dem Untergang.

Wieder andere vermuten, dass Aliens vom Sternbild Schwan die Rauchsäule eines Vulkanausbruchs für einen Versuch der Erdbewohner hielten, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Ihre begeisterte Antwort per Laserstrahl fiel dann etwas zu ungestüm aus.

Die heute gängigste Erklärung der Wissenschaft, die Explosion rühre von einer geborstenen Erdgasblase her, nimmt sich dagegen blass und unromantisch aus. Viel angenehmer ist doch die Vorstellung, dass da draußen jemand ist, der uns wohl gesonnen ist - oder zumindest neugierig auf das, was wir ihnen zu sagen haben. Eine uralte menschliche Sehnsucht im Übrigen. Und sie macht auch wieder Hoffnung darauf, dass wir Fremde nicht vor allem als mögliche Bedrohung begreifen, sondern als Bereicherung - als Türöffner zu neuen Horizonten.


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