Team Scheisse im Interview "Auf den Schweinsbraten können wir verzichten – auf Söder eigentlich auch"
Mit "20 Jahre Drehorgel" veröffentlicht die Punkband Team Scheisse ihr drittes Album. Im Interview erklärt die Band, warum ihnen die Wirtschaft dieses Mal besonders am Herzen lag, wie man nachhaltig Mieten deckelt und warum Markus Söder und Weltschmerz zusammengehören.

"20 Jahre Drehorgel" heißt das neue Album der Punkband Team Scheisse. Im Interview über Videokonferenz sind erst mal nur Bassist Thomas und Schlagzeuger Simon dabei, Sänger Timo stößt erst später dazu. Wegen technischer Probleme.
Zündfunk: Herzlichen Glückwunsch, dass ihr im Zündfunk "Album der Woche" geworden seid. Wie geht es euch damit?
Thomas: Danke, gut. Das freut uns sehr.
Simon: Ja, das bringt Gema, habe ich gehört, wenn man im Radio läuft.
Und man hat alles erreicht, was man erreichen kann.
Simon: Ok, ich meckere jetzt schon wieder, denn das ist eigentlich etwas Positives. Aber ich finde es ja grundsätzlich schon richtig verrückt, dass es staatlich bezahlte Rundfunkanstalten gibt, die nichts anderes spielen als einen Standardkatalog von 2005 von irgendwelchen amerikanischen Musikgrößen. Also irgendwie gibt es doch so eine Art Bildungsauftrag, ich will damit aber nicht sagen, dass wir jetzt der Peak der Musikbildung wären.
Thomas: Ja, da gibt es andere Bands, wo es viel wichtiger wäre, dass die da laufen würden. Aber ich freue mich, dass wir da jetzt einen kleinen Seiteneinstieg geschafft haben.
Lass uns über euer Album sprechen. Es heißt "20 Jahre Drehorgel". Was ist mit dem Titel eigentlich gemeint, steckt eine tiefere Geschichte dahinter?
Thomas: In Bremen gibt es einen Drehorgel-Menschen, der das schon seit geraumer Zeit macht. Und der hatte ein Schild auf seiner Drehorgel, da stand drauf: "20 Jahre Drehorgel". Und wir waren auch gerade in der Namensfindung für das Album, da war klar: Ja, das ist einfach zu gut. Das ist totaler Quatsch, aber hat einen schönen Klang.
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Team Scheisse - Pluto
Der Song "Pluto" ist euer großer Weltschmerz-Song. Warum fängt dieser Song ausgerechnet mit einem Clip von Markus Söder an, der sich darüber wundert, dass ein Leben ohne Schweinsbraten keinen Sinn macht?
Simon: Mehr Weltschmerz geht doch eigentlich nicht. Das ist doch Peak Weltschmerz. Wenn einem jemand erzählt, dass man unbedingt Fleisch essen muss.
Thomas: Auf den Schweinsbraten können wir verzichten und auf Markus Söder eigentlich auch. Deshalb passte das für uns ganz gut zusammen. Das sind beides Dinge, die es nicht unbedingt geben müsste.
Die ganze zweite Strophe von "Pluto" besteht nur aus dem Wort "CDU". Jetzt heißt der nächste Kanzler wahrscheinlich Friedrich Merz. Wie geht es euch damit?
Simon: Jetzt hast du es doch schon genau benannt. Es gibt ja Punk-Bands, die sind ein bisschen direkter in ihren Texten, sage ich mal. Wir versuchen da immer eher so ein bisschen um die Ecke zu kommen. Aber da muss man ja nur eins zu eins zusammenzählen. Wenn man sich einen Markus Söder anhört, der die ganze Zeit über nichts anderes reden kann als über Gendern und darüber, dass man ihm seine Wurst verbieten will. Und dann wird dieser Mensch gewählt, und einen Tag nachdem er gewählt wird, stellen die sich hin und sagen: Wir brauchen aber doch eine Schuldenbremsen-Reform. Also etwas, wo man wirklich im ganzen Wahlkampf toll hätte drüber reden können. Ich wundere mich, warum wir die ganze Zeit Leute wie diesen Möchtegern-Stromberg in Machtpositionen haben. Leute, die offensichtlich einfach die ganze Zeit Scheiße labern, um uns dann irgendwas komplett anderes zu erzählen.
Ein weiteres, für euch wichtiges Thema, ist "Mieten". Ihr verhandelt das im Song "Altbauwohnung". Da singt ihr, dass man die Wände mit Graffitis besprayen und in Souterrains kacken könnte, damit die Mieten sinken. Woher kam die Idee?
Thomas: Wir leben inzwischen alle in einem bestimmten Ortsteil von Bremen. Das hat auch einfach ein bisschen Geschichte und Kultur. Und es gibt einen Spruch: "Das Viertel bleibt dreckig". Das ist ganz klar darauf ausgerichtet, dass das hier nicht so schön wird, damit die Mietpreisen nicht steigen. Das hat mit Graffiti, das hat mit Scheiße zu tun, das hat aber auch ganz viel mit armen Menschen zu tun, die auf der Straße leben müssen.
Von welchem Viertel sprichst du?
Thomas: Vom Steintorviertel. Hier sagen aber viele immer nur "Das Viertel". Ist ein wunderschöner Ort zu leben. Anfang der 70er Jahre haben Leute dafür hart gekämpft und haben sich an die Bagger gekettet und haben die angezündet, damit hier kein Autobahnzubringer gebaut wird. Das Viertel ist voll mit Graffiti, Stickern, Scheiße, unangenehmen Sachen, unbequemen Sachen auch. Und das sorgt dafür, dass die Mieten günstig sind.
Euer Sänger Timo ist dazu gekommen (Anmerkung der Red.: Timo hat etwas länger gebraucht, um die App für die Videokonferenz auf seinem Handy einzurichten). Hallo Timo!
Timo: Moin, diese App ist der Satan.
Jetzt hast Du es geschafft. Wir sprechen gerade über eure Texte. Wie entsteht ein typischer Team-Scheisse-Text?
Timo: Das Prozedere ist immer dasselbe. Hannes, der inzwischen nicht mehr live mitspielt, schreibt immer noch die Musik. Er spielt mit seiner Gitarre, ballert das in seinen Computer, tackert Fantasie-Schlagzeug zu mit den Fingern und ein bisschen Bass, was dann Simon und Thomas später noch mal richtig einspielen. Und darauf schreibe ich einen Lied-Text, genau zu diesem Arrangement. Aber wenn es danach scheiße ist, dann verwerfen wir es. Und ich schreibe vielleicht nochmal einen anderen Text.
Habt ihr heute schon geschaut, wie es der Wirtschaft geht?
Simon: Nicht gut.
Thomas: Ich war schon einkaufen heute, ich habe meinen Teil geleistet. Aber ich sage mal: Die Wirtschaftslage, um eine Punkband zu haben, ist hervorragend.
Timo: Wir profitieren davon.
Thomas: Wir profitieren von der CDU-Steuersenkung und von der Verzweiflung.
Wie kamt ihr auf den Text in eurem Song "Der Wirtschaft"? Kam das aus dem Wahlkampf, wo viele gesagt haben: "Der deutschen Wirtschaft geht es so schlecht?" "Die Wirtschaft liegt am Boden!" Oder woher kam die Inspiration?
Timo: Ich stand an der Domsheide in Bremen und habe auf den Bus gewartet. Und da hing ein Plakat mit dieser Frau von der FDP. Ich weiß nicht, wie sie heißt. Aber die hat die Wirtschaft so benutzt, als wäre es ein Mensch, zu dem man Gefühle hat. Das war so ein richtig widerwärtiger Wahlkampfsatz. Aber da habe ich dann gedacht, ja genau, die Wirtschaft, mein bester Freund. Ich liebe die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist auch da für mich.
Manche sagen ja, die Wirtschaft ist nicht wirklich für einen da. Im Marxismus ist Lohnarbeit zum Beispiel Ausbeutung.
Timo: Aber wer kommt schon mit Marxismus? Wir leben ja in einer anderen Welt.
Simon: Ich spreche jetzt als Simon, der Schlagzeuger: Ich glaube, man muss heute kein Marxist sein, um eigentlich zu wollen, dass die Wirtschaft etwas ist, wovon die Leute profitieren.
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Team Scheisse - Beige
Ich habe letztens eine Wand beige gestrichen und dabei euren Song "Beige" gehört. War das auch eine Inspiration für euch, dass beige gerade eine absolute Trendfarbe ist? Auch das Geschirr ist beige und viele Wände müssen beige sein.
Thomas: Da gibt es unterschiedliche Interpretationen. Timo meinte, glaube ich, die unterschwelligen Nazis, die in der Gesellschaft leben, die man so gar nicht mitkriegt. Ein helles braun. Ich dachte, als ich das Lied zum ersten mal gehört habe, es geht um diese Instagram-Trends. Wo Familien auch die Kinder komplett in beige anziehen. Aber eigentlich geht es um die Nazis und die Faschisten, die heimlich zwischen uns wohnen.
Simon: Ich habe gerade das Buch "Die Altenrepublik" gelesen und dachte es geht um alte Menschen. Beige, kakifarbene Hosen.
Timo: Und so hat jeder so seins.
Ihr habt kürzlich Instagram verlassen. Warum?
Thomas: Weil der Zuckerberg ein Nazi ist. Jedes Mal, wenn jemand aus der linken Bubble, oder ihr vom BR einen Post macht oder zwei Leute sich ein Herz hin und herschicken, verdient Mark Zuckerberg damit Geld. Wir konnten das für uns moralisch nicht mehr vereinbaren. Es ist zwar das beste Promo-Tool, das kleine Bands wie wir haben können. Aber es ist besser für uns, dass das weg ist, auch wenn wir weniger Konzertkarten verkaufen. Es ist uns das trotzdem wert, diesem scheiß Nazi keine Kohle mehr in den Arsch zu stecken. Auch wenn er so viel Kohle hat, dass er auf uns verzichten könnte, dem ist das sowieso scheißegal.
Inwiefern spürt ihr jetzt, dass ihr dort weg seid? Wirkt sich das wirklich so stark auf eure Konzertverkäufe aus?
Simon: Sofort. Wir hatten 50.000 Follower. Das war unsere Hauptkontaktquelle zu den Menschen.
Timo: Und wir sind noch privilegiert. Wir können das machen. Wir haben die Position als linke Band, wo man uns auch unterstützt, dass wir das tun. Aber auch wir sind durch Existenzängste gegangen, wir saßen zu dritt da und haben mit den Zähnen geklappert, was das für Konsequenzen hat. Wir sehen das, wie gesagt, nicht nur an den Tickets, sondern auch an T-Shirt-Verkäufen. Reichweite, wovon die Leute immer träumen, und so einen Scheiß haben wir uns abgeschnitten. Klar, wir kriegen Applaus aus den richtigen Ecken, aber davon können wir uns am Ende auch nichts kaufen. Wir wollen nicht rumgehen und sagen irgendwie, ey Band, verlass irgendwelche Plattformen. Aber du musst halt auch wissen, wen du damit supportest. Und guck jetzt nach Amerika, was sich da abspielt. Alter, das ist komplett irre. Und da sollte sofort jeder Support aufhören.
Simon: Andererseits muss man sagen, dass solche Sachen funktionieren. Wenn man sich anguckt, wie die ganze Sache mit Tesla läuft. Da haben sich viele Leute entschieden, die Firma nicht mehr zu unterstützen und das kackt wirklich ab.
Man hätte sich ja auch ins Profil schreiben können: "Ich war schon auf Insta, bevor Zuckerberg crazy wurde", so wie die Tesla-Fahrer das sich gerade auf ihre Autos kleben?
Timo: Ich befürchte, dass Mark Zuckerberg immer schon scheiße war.