Letzte Kontrolle vor der Abfahrt: Andreas Koller geht um seinen Lkw herum. Er soll bis morgen früh 14 Tonnen Gewürze nach Piacenza liefern. Für Fernfahrer Koller ist es die erste Fahrt nach Italien in diesem Jahr. Ihm ist nicht ganz wohl:
"Gemischte Gefühle, weil du nicht weißt, was sich auf der Reise nach Italien erwartet." Andreas Koller, Fernfahrer
20 Kilometer Stau durch Pannen-Lkw
Um acht Uhr startet er vom Gelände seiner Spedition in Traunstein. Als er auf die Inntalautobahn auffährt, erlebt er die erste böse Überraschung: Vor Andi stauen sich die Lkw auf über 20 Kilometer bis zur österreichischen Grenze.
Grund ist die Situation an der Tiroler Luegbrücke. Das Bauwerk am Brenner ist fast 60 Jahre alt. Längst hätte der Neubau stehen müssen. Doch Proteste von Anwohnern haben den Bau bisher verhindert. Die Situation ist brisant, statische Untersuchungen haben ergeben, dass der Verkehr auf der Brücke stark eingeschränkt werden muss. Seit erstem Januar ist sie einspurig.
Abschleppwagen als Geisterfahrer
An diesem Morgen hat ein Lkw auf der Luegbrücke eine Panne und muss abgeschleppt werden. Das ist nicht ganz einfach, erklärt Alexander Holzedl von der österreichischen Betreibergesellschaft ASFINAG. "Wir haben nur eine Fahrspur im Regelbetrieb zur Verfügung. Um eben dieses Fahrzeug dann von der Brücke wegbringen zu können, müssen wir mit dem Abschleppfahrzeug quasi als Geisterfahrer in die Spur einfahren und dort das Fahrzeug über die Luegbrücke dann hinausbringen", sagt Holzedl.
Zeitplan für eine ganze Woche gefährdet
Für Fernfahrer Andreas Koller bedeutet das den "Worst Case". Er steht im Stau und kann nicht abschätzen, ob es vier, sechs oder acht Stunden dauern wird. Andreas Koller hat nur ein schmales Zeitfenster, um seine Fracht bei dem Kunden abzuladen. Kann er den Zeitpunkt nicht einhalten, muss er unbestimmte Zeit warten, bis er wieder an die Rampe fahren kann. Das würde seinen gesamten Fahrplan für die Woche durcheinanderbringen.
Polizei mobilisiert alle Kräfte
Überrascht ist auch die Autobahnpolizei in Rosenheim von der Lage. Der Lkw-Verkehr wurde mit einem Durchlauf von 100 LKW pro Stunde dosiert. Das ist sehr wenig. Für die Polizei bedeutet das: Sie muss auf die Schnelle alle verfügbaren Kräfte mobilisieren, um ein Verkehrschaos zu verhindern. Denn der LKW-Stau droht über das Inntaldreieck hinaus auf die A8 auszuweiten.
"Wir erwarten eine starke Zunahme der spontanen Dosierungen genauso wie sie heute passiert ist." Holger Siegemund, Polizeioberrat, Verkehrspolizeiinspektion Rosenheim
"Jackpot" - der Lkw fährt durch das Nadelöhr
Gegen Mittag wird die Blockabfertigung wieder aufgehoben. Allmählich rollt der Lkw-Verkehr wieder. Andreas Koller ist mehr als vier Stunden im Stau gestanden, bis er die österreichische Grenze erreicht hat. Das eigentliche Nadelöhr, die Luegbrücke, liegt noch vor ihm. Am späten Nachmittag kommt Andi Koller mit seinem Lkw an die Engstelle. Es wird spannend. Die Geschwindigkeit ist auf 60 km/h begrenzt, aber der Lkw rollt. "Jackpot wir rollen, wir stehen nicht. Man darf auch mal ein Glück haben. Ich bin zufrieden, mein Ziel ist für heute Abend ist tatsächlich Piacenza, und ich schaffe es", freut sich Andreas Koller.
Schönwetterregelung für Autofahrer
Für Autofahrer will die Betreibergesellschaft ASFINAG an 180 Tagen im Jahr eine Ausnahme machen. Für sie soll dann auch die zweite Spur geöffnet werden. Die Regelung soll für die Ferien gelten und für starke Reisetage. Vorausgesetzt, es fällt kein Schnee. Denn auch die Räumfahrzeuge dürfen nur auf der inneren Spur fahren. Wenn die zweite Spur nicht geräumt werden kann, dann gibt es auch keine Ausnahmeregelung für die Autofahrer.
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