Als die erste Prognose kommt, wehen die Deutschlandfahnen. In Niederbayern haben sich Mitglieder und Anhänger der AfD versammelt. Sie schauen zusammen die Wahlsendung. Das Fass Bier wurde schon angezapft, bevor die ersten Zahlen vorlagen. Zur Ankunft gab es Sekt. Auch wenn sich die AfD noch mehr erhofft hätte, sieht sie sich als Gewinner der Bundestagswahl – vor allem hier, in Bayern.
AfD in Bayern besonders stark
Lange Zeit galt Bayern als schweres Pflaster für die AfD. Konservative Wähler, so hieß es, hätten ein Zuhause bei der CSU und bei den Freien Wählern. Nach dieser Wahl aber hat die CSU ihr drittschlechtestes Ergebnis überhaupt eingefahren, die Freien Wähler haben ihr Ziel verfehlt, in den Bundestag einzuziehen. Die AfD hingegen hat ihre Ergebnisse im Bund und in Bayern etwa verdoppelt.
Im Freistaat liegt sie mit 19 Prozent sogar über dem Schnitt der westdeutschen Bundesländer. In den Wahlkreisen Deggendorf, Schwandorf und Straubing erhält sie die höchsten Zustimmungswerte von allen westdeutschen Wahlkreisen, mit fast 30 Prozent Zweitstimmen.
CSU und Freie Wähler haben AfD nicht klein gehalten
Auf der bundespolitischen Ebene sei es nicht haltbar, dass CSU und Freie Wähler die AfD klein hielten, sagt deswegen Jasmin Riedl, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr in München.
Auch die Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, Ursula Münch, sagt: "So ganz hat es nicht funktioniert." Einen Grund sehen beide darin, dass es in Bayern viele ländliche Regionen gibt.
AfD da stark, wo die Bevölkerungsdichte niedrig ist
Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Daten: Die AfD ist in der Regel dort besonders stark, wo die Bevölkerungsdichte niedriger ist. Das ist in den ostdeutschen Bundesländern der Fall. In den westdeutschen Bundesländern gilt das vor allem für Bayern – und Niederbayern.
Die Menschen dort hätten eher ein "sehr traditionelles, konservatives Weltbild", sagt Jasmin Riedl. Sie würden kritisch auf die Städte schauen, "auf diese Zentren der Politik, wo man das Gefühl hat, die sind zu weit weg von dem, was uns hier im Alltag beschäftigt".
Fünf-Prozent-Hürde hemmt Freie Wähler
Allerdings: Das sind Themen und Regionen, die traditionell auch die Freien Wähler im Wahlkampf adressieren. Noch am Tag der Wahl postete etwa Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger einen Zehn-Punkte-Plan, darin die Forderungen, die Grenzen zu sichern, die heimische Land- und Ernährungswirtschaft zu stärken oder die "ideologische[n] Ampelgesetze" rückabzuwickeln.
Trotzdem hat die AfD es geschafft, die Freien Wähler in allen Wahlkreisen bei den Zweitstimmen zu überholen - dabei lagen die Freien Wähler bei der Landtagswahl noch vor allem in ostbayerischen Regionen vor der AfD.
Die Politikwissenschaftlerin Jasmin Riedl erklärt das damit, dass die Freien Wähler bei bundespolitischen Themen weniger eine Rolle spielten. Auch die Freien Wähler schreiben auf BR-Anfrage: Man habe dem Rechtsruck als "liberal-wertkonservative Partei" nicht viel entgegensetzen können – "noch dazu, weil wir in Umfragen unter fünf Prozent lagen und viele Wähler, die uns noch bei der Landtagswahl gewählt hatten, diesmal andere Parteien gewählt haben."
Mehr als eine Million Wähler wanderten von Union zur AfD
Aber auch der CSU ist es nicht gelungen, die Abwanderung von konservativen Wählern zur AfD zu verhindern – obwohl sie mit einer klaren Regierungsoption in den Wahlkampf ging. Seit der Bundestagswahl 2021 gewinnt die AfD vor allem Wähler von CSU und CDU hinzu: 110.000 bei der Landtagswahl, 570.000 bei der Europawahl, mehr als eine Million bei dieser Wahl – etwa so viele, wie bei der Bundestagswahl 2017.
Politikwissenschaftlerin Riedl sieht den Grund dafür in den Themen, die diesen Wahlkampf dominiert haben: Zuwanderung und innere Sicherheit. Das spiele immer den Parteien rechts außen in die Hände. Ursula Münch von der Politischen Akademie Tutzing ergänzt, dass die AfD auch dort profitiert habe, wo die Menschen 2015 und 2016 den starken Zuzug von Flüchtlingen erlebt hätten.
Söder: Das "Erbe der Zeit um 2015"
Als Markus Söder, CSU-Parteichef, am Tag nach der Wahl vor die Presse tritt, verweist er genau darauf. Der Grund für den Erfolg der AfD sei einfach, sagt er. 54 Prozent der Menschen würden die Union dafür verantwortlich machen, dass so viele Flüchtlinge und Asylbewerber nach Deutschland gekommen sind. Es ist eine Zahl von Infratest dimap.
Für Söder ist das das "Erbe der Zeit um 2015" – also aus den Regierungsjahren der damaligen Kanzlerin Angela Merkel. Noch nicht alle Menschen, so Söder, seien sich sicher, dass die Union eine andere Migrationspolitik einschlage. Die AfD hat diesen Zweifel im Wahlkampf gezielt angesprochen.
AfD adressiert Zweifel im Wahlkampf
Rückblick: ein Freitagabend vor wenigen Wochen. Alice Weidel ist nach Greding gekommen, es ist ihr einziger Auftritt im Wahlkampf in Bayern. Ein Wahlwerbespot wird abgespielt. Elon Musk fragt darin, wer das Böse sei. Im Anschluss wird Unions-Spitzenkandidat Friedrich Merz als "Darth Merz" gezeigt. Landeschef Stephan Protschka bezeichnet Merz auf der Bühne als "Weichei" - mit Blick auf einen Gesetzentwurf der Union zur Begrenzung der Zuwanderung, der im Bundestag gescheitert war. Viele Abgeordnete wollten nicht mit der AfD stimmen.
Bei Wahlkampfveranstaltungen hört man dazu von Teilnehmern: Die CSU sei zu links geworden. Wäre das Gesetz durchgegangen, hätte man vielleicht CSU gewählt. Man traue der Union nicht mehr, dass sie die Probleme löse.
Alice Weidel verspricht an diesem Abend hingegen: Die AfD sei angetreten, um das wieder in Ordnung zu bringen.
Die ausgestreckte Hand teilt aus
In den Tagen nach der Wahl bleibt die AfD bei ihrer Strategie. Auf der einen Seite sagt der bayerische Landeschef Stephan Protschka dem BR: Die Hand sei ausgestreckt für Gespräche.
Gleichzeitig kritisiert die AfD weiter die Union, spricht von Politik gegen den Wählerwillen. Die ausgestreckte Hand teilt weiter aus.
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