Die Nerven liegen blank, sie sei gelähmt vor Hilflosigkeit, erzählt die 43-jährige Natalia Laib aus Burghausen im Gespräch mit "Mittags in Oberbayern"-Moderatorin Annette Kugler auf Bayern 1. Denn eigentlich könne sie hier in Oberbayern ja gar nichts tun, um die Kinder und Alten vor Bomben und Raketen zu schützen, mit denen die russische Armee die Städte in der Ukraine angreift.
Lähmende Propaganda Putins
Gelähmt fühlt sie sich auch, weil sie die Propaganda der russischen Seite nicht stoppen kann, auf deren Wahrheitsgehalt manche ihrer russischsprachigen Bekannten vertrauen. Sie behaupten dann, dass Putin der Befreier sei: "Ich weiß nicht, warum die Menschen dem russischen Fernsehen so viel Glauben schenken, vor allem auch die Menschen, die hier leben", meint sie.
Putins Angriff auf die ukrainischen Städte und Dörfer
Dabei müssten sie und alle Ukrainer und die Welt dabei zusehen, wie Putins Armee Stück für Stück die Städte der Ukraine zerstört und unbewohnbar macht, was über Jahrzehnte von den Menschen vor Ort aufgebaut wurde.
"Es tut weh, dass die Städte und Dörfer zerstört werden. Die Ukraine ist ein schönes Land. Die Menschen lieben ihre Städte, die lieben ihre Heimat. Das wird alles einfach dem Boden gleich gemacht." Natalia Laib
Männer kehrten aus dem Ausland zurück, um in der Ukraine für ihr Heimatland zu kämpfen.
Der Plan zur Rettung der Mutter
Die Flucht ihrer Mutter plante sie Tage im Voraus: Nach der russischen Invasion kaufte sie Zugtickets für den 28. Februar, das war der schnellstmögliche Abfahrtstermin. Doch alleine konnte die 76-jährige Mutter es nicht zum Bahnhof schaffen. Eine ukrainische Freundin sollte sie deshalb vor Ort in Kiew begleiten. Zu ihr sagte Natalia:
"Wir haben nur eine Chance, Du hast eine Chance, ich kann für Dich nicht die Entscheidung treffen, wenn Du jetzt in Dein Auto steigst, und in Kiew ist es momentan ruhig, da wird momentan nicht geschossen, wenn Du es irgendwie bis zu meiner Mutter schaffst und bis zum Bahnhof kommst und in diesen Zug einsteigen kannst, dann kümmere ich mich um alles andere. Ihr müsst es nur schaffen, in den Zug zu steigen." Natalia Laib
Und dieser Plan ging auf. Die Freundin half bei der Rettung und der Ausreise. In einem völlig überfüllten Zug schaffte es die Mutter über die Grenze bis nach Ungarn. Und dort konnte Natalia Laib ihre Mutter mit dem Auto abholen.
Viele Hilfsgüter und viel Hilflosigkeit
Laib hatte ihr Auto vollgeladen mit Hilfsgütern, die sie Richtung Osten brachte, Spenden von engagierten Menschen aus Burghausen. Das Wiedersehen war eine große Erleichterung, aber zugleich dachte sie an die vielen Menschen, die noch immer nicht gerettet sind.
Fünf Tage lang hatte Laib kein Auge zumachen und nichts essen können, sagt sie, bis sie endlich ihre Mutter in die Arme schließen konnte. Jeder hoffe und bete, dass seine Freunde und Verwandten die Angriffe überleben.
Solidarität mit der Ukraine
Für die Flüchtlinge sei es fast nicht möglich, zur Ruhe zu kommen. Verwandte blieben zurück, doch die Solidarität sei wichtig, zum Beispiel sei es eine große Hilfe, dass Telefonate in die Ukraine derzeit kostenlos seien.
Auch sie selbst startete eine Spendenaktion. Denn viele fragten sie: Was können wir tun, wie können wir helfen? Freunde von ihr seien Ärzte und kennen Menschen in der Ukraine; sie versuchten nun direkt über ihre Kontakte persönlich zu helfen. Sie unterstützen gezielt Familien, die ihr Heim verloren hätten, Arme belieferten sie mit Nahrungsmitteln, Kranken finanzierten sie Medikamente. Laib arbeitet beim AWO Kreisverband Altötting e.V., wo sie sich professionell der Integration verschrieben hat.
Nichts rechtfertige Angriffe auf die Zivilbevölkerung, sagt Natalia Laib. In dieser Situation werde aber auch klar, welche Werte im Leben wichtig seien. "Am Leben bleiben, helfen, unterstützen, das ist das, was absolut wichtig ist." Sie sei froh, dass auch ihre Kinder diese Einstellung lebten.
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