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Ukrainische Flüchtlinge in Europa: Drei Jahre später immer noch ein Leben in der Schwebe

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Ukrainische Flüchtlinge in Europa: Ein Leben in der Schwebe

Ukrainische Flüchtlinge in Europa: Ein Leben in der Schwebe

Drei Jahre lang dauert der russische Angriffskrieg in der Ukraine nun schon – und ebenso lange leben viele Geflüchtete fern ihrer Heimat. Wie gehen die Länder Europas mit den Flüchtlingen um, und wie geht es den Ukrainern dort inzwischen?

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Drei Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine leben Millionen ukrainischer Flüchtlinge in ganz Europa in einem Zustand der Unsicherheit. Da die internationale Unterstützung schwindet und die Lebenshaltungskosten steigen, sehen sich viele mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert – von bürokratischen Hürden bis hin zu schwindenden Sozialleistungen –, die einige vor eine unmögliche Wahl stellen: bleiben und sich in der Fremde abmühen oder in das von Russland besetzte Heimatland zurückkehren.

Angst vor weniger Unterstützung

"Es wird viel über ein baldiges Ende des Krieges gesprochen. Das wünschen wir uns natürlich alle. Aber der Krieg dauert noch an, und meine größte Angst ist, dass die Unterstützung, die wir am Anfang gespürt haben und immer noch spüren, nachlässt", sagt Nataliia K., die vor drei Jahren aus Kiew nach Tschechien geflohen ist, im Gespräch mit CT-Reportern für "A European Perspective".

Nataliias Sorge spiegelt eine wachsende Herausforderung für Ukrainer wider, die versuchen, sich in Europa ein neues Leben aufzubauen.

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Ankommende Flüchtlinge in Schweden

Unterstützungssystem zeigt Anzeichen einer Schwächung

Im Juni 2024 verlängerte der Rat der Europäischen Union die Richtlinie zum vorübergehenden Schutz für Flüchtlinge aus der Ukraine, die ursprünglich am 4. März 2022 in Kraft getreten war, bis März 2026. Dieses System garantiert den Begünstigten das Recht auf Aufenthalt, Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Wohnraum, medizinische Hilfe, soziale Unterstützung und Schulbildung für Kinder.

Drei Jahre nach Beginn des Konflikts zeigt das für ukrainische Flüchtlinge eingerichtete Unterstützungssystem in ganz Europa jedoch Anzeichen einer Schwächung. Und das hat die vielen Ukrainer, die vor dem Konflikt geflohen sind, in eine unangenehme Lage gebracht.

Mehr Ukrainer kehren trotz Risiken in ihre Heimat zurück

Am 14. Februar wies die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) in einem Bericht (externer Link) darauf hin, dass die abnehmende internationale Unterstützung bei weiter steigenden Lebenshaltungskosten viele Flüchtlinge in "große Not" bringt. Dies, so die Organisation, zwinge viele Flüchtlinge dazu, "nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen" nach Hause zurückzukehren.

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Viele ukrainische Flüchtlinge kehren gezwungenermaßen in ihre Heimat zurück

"Wir haben festgestellt, dass die Regierungen die Richtlinie über den vorübergehenden Schutz restriktiver anwenden, was zu einer neuen Gefährdung führt", so Madeleine Lyons, eine der Autorinnen des Berichts, gegenüber AFP.

So beschloss das Schweizer Parlament im Dezember, den Schutzstatus für ukrainische Flüchtlinge auf diejenigen zu beschränken, die aus Gebieten stammen, die von russischen Truppen besetzt sind oder regelmäßig beschossen werden. Diese Beschränkungen sind noch nicht in Kraft, da die Schweizer Regierung noch über ihre Umsetzung entscheidet.

In der Zwischenzeit hat Estland am 1. Januar 2025 die Vorschriften für Ukrainer verschärft, die in dem Land medizinische Versorgung suchen, berichtet ERR (externer Link).

"Wir haben in den letzten drei Jahren beobachtet, dass die Gefährdung schleichend zunimmt", sagt Madeleine Lyons und verweist insbesondere darauf, dass viele ältere Flüchtlinge mit steigenden Schulden konfrontiert sind. Der Bericht ergab, dass die Hälfte der in die Ukraine zurückgekehrten Flüchtlinge derzeit verschuldet ist, wobei etwa 12 Prozent nicht in der Lage sind, ihre Schulden zurückzuzahlen. Ein weiteres beunruhigendes Zeichen ist die Tatsache, dass sich Flüchtlinge dazu entschließen, in die Ukraine zurückzukehren, um sich dort medizinisch versorgen zu lassen.

5,08 Millionen ukrainische Flüchtlinge in europäischen Ländern

Nach den neuesten Daten des UNHCR, die von RTVE für "A European Perspective" erhoben wurden, sind 5,08 Millionen Ukrainer in europäische Länder geflohen. Die meisten sind Frauen, Kinder und ältere Menschen, da Männer im wehrfähigen Alter in der Ukraine bleiben müssen.

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Ankommende ukrainische Flüchtlinge in Spanien

Etwa die Hälfte der Ukrainer, die das Land verlassen haben, lebt jetzt in Polen, Deutschland und der Tschechischen Republik. Pro Kopf der Bevölkerung hat Tschechien mit 35,7 ukrainischen Flüchtlingen pro 1.000 Einwohner die meisten aufgenommen, gefolgt von Polen (27,1) und Estland (25,8).

"Im Februar 2022 strömten Zehntausende von Flüchtlingen über die Grenze. Es gab einen riesigen Ansturm an Unterstützung durch die Regierung und die Zivilgesellschaft", erklärt Matthew Saltmarsh, Sprecher des UNHCR, gegenüber "A European Perspective".

"Drei Jahre später ist es ganz anders. Ich denke, der Geist der Willkommenskultur ist immer noch da. Aber es ist jetzt viel schwieriger, und je länger die Menschen bleiben, desto schwieriger wird es - wirtschaftlich und sozial."

Stimmungsumschwung der Öffentlichkeit

Beispiel Polen. Das Land gibt an, im Rahmen des vorübergehenden Schutzes über 7,4 Milliarden Zloty für die Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge ausgegeben zu haben - und die Bürger Polens haben sogar noch mehr aus ihrer eigenen Tasche ausgegeben, um denjenigen zu helfen, die vor dem Konflikt fliehen.

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Ukrainische Flüchtlinge nach der Grenzüberquerung zu Polen im März 2022

Doch die Belastung der Wohnungs-, Bildungs- und Gesundheitssysteme des Landes führt zu einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung, berichtet Radio France (externer Link). Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CBOS bestätigt diesen Trend: Während über 90 Prozent der Polen die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge nach Beginn des Krieges im Jahr 2022 befürworteten, ist diese Zahl inzwischen auf 53 Prozent gesunken. Anfang des Jahres unterstützte der polnische Premierminister Donald Tusk öffentlich einen Vorschlag des Warschauer Bürgermeisters und Präsidentschaftskandidaten Rafal Trzaskowski, die Hilfe für ukrainische Flüchtlinge einzuschränken. Suspilne (externer Link) berichtet, dass der Vorschlag insbesondere darauf abzielte, das Kindergeld auf Ukrainer zu beschränken, die im Land arbeiten und Steuern zahlen.

Auch in anderen Teilen Europas ist ein Rückgang der öffentlichen Unterstützung zu beobachten. Im Dezember ergab eine Meinungsumfrage in Litauen, dass die Litauer, die vor drei Jahren noch Ukrainer in ihren Häusern willkommen hießen, jetzt zögerlicher sind, dies zu tun, und nur knapp die Hälfte der Befragten gab an, sie würden jetzt an Ukrainer vermieten. Derweil berichtet LSM (externer Link), dass die Bereitschaft der Letten, ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen, ebenfalls deutlich gesunken ist.

Die Unterstützungsquote, die Ende 2022 noch bei 73,5 Prozent lag, ist bis Dezember 2024 auf 46,8 Prozent gesunken.

Schwierigkeiten bei der Beschäftigung

Die Ablehnung der Unterstützung für ukrainische Flüchtlinge ist oft auf die Auffassung zurückzuführen, dass sie die begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen eines Landes belasten. Aus diesem Grund hat der Bürgermeister von Bad Griesbach in Bayern seinen Verwaltungsmitarbeitern im Oktober verboten, ukrainische Flüchtlinge zu registrieren, berichtet der BR.

Einige europäische Länder haben jedoch festgestellt, dass die vertriebenen Ukrainer einen erheblichen Beitrag zu ihrer Wirtschaft geleistet haben. In Tschechien übersteigen die von ukrainischen Bürgern erwirtschafteten Einnahmen seit der zweiten Hälfte des Jahres 2023 die staatlichen Ausgaben für ihre Integrationshilfe. In Lettland hat sich die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge, die zu Steuerzahlern geworden sind, innerhalb von drei Jahren verdreifacht, was laut LSM einen bemerkenswerten Anstieg der Erwerbsbeteiligung bedeutet.

Die Daten deuten jedoch darauf hin, dass viele Ukrainer unter ihrer Qualifikation arbeiten. In Lettland traf sich LSM mit Anna, einer zweifachen Mutter, die mit der Sprachbarriere zu kämpfen hat, um in ihrem Fachgebiet zu arbeiten. "In der Ukraine arbeitete ich in einer Flugzeugfabrik als Kontrollspezialistin, aber natürlich kann ich hier nicht in meinem Fachgebiet arbeiten, wenn ich die Sprache nicht beherrsche", sagte sie. "Jetzt kann ich als Reinigungskraft oder als Hausmeisterin arbeiten."

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Ukrainische Flüchtlinge auf der Jobmesse

Da die Lebenshaltungskosten auf dem gesamten Kontinent weiter steigen, geraten viele Menschen aufgrund der niedrigeren Löhne unter finanziellen Druck. Dem IFRC-Bericht zufolge geben 42 Prozent der ukrainischen Staatsbürger, die in ihre Heimat zurückkehren, Beschäftigungsprobleme im Ausland als Grund für ihre Rückkehr an.

Gleichzeitig hat die jüngste Entscheidung der US-Regierung, die Auslandshilfe einzufrieren, den Druck auf die Netzwerke zur Unterstützung der Flüchtlinge weiter erhöht. LSM hat berichtet, dass ein von der Stadtverwaltung Riga organisiertes Projekt zur Integration von Ukrainern bereits eingestellt wurde, während einige lettische Nichtregierungsorganisationen neue Finanzierungsquellen erschließen mussten. Der Finanzierungsstopp hat auch Auswirkungen auf humanitäre Organisationen, die US-Auslandshilfe in Nachbarländern der Ukraine erhalten, wie Polen, das nach dem Beginn der russischen Invasion vor drei Jahren mehr als eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen hat. "Von einem Tag auf den anderen mussten wir unsere Mitarbeiter von Projekten abziehen", sagte ein humanitärer Mitarbeiter in Warschau gegenüber RTÉ News (externer Link).

"Seit 2022 können wir nichts mehr planen"

All dies hat dazu geführt, dass die vertriebenen Ukrainer einer ungewissen Zukunft entgegensehen. Während sich die Monate zu Jahren ausdehnen, scheint eine Rückkehr in die Heimat zunehmend unerreichbar. Viele sind hin- und hergerissen zwischen dem Aufbau eines neuen Lebens im Ausland und der Sehnsucht, in ein Land zurückzukehren, das sich immer noch im Krieg befindet. Die nachlassende Unterstützung durch die Aufnahmeländer hat diese Entscheidung noch erschwert. "Unter uns Ukrainern sagen wir: 'Seit 2022 können wir nichts mehr planen. Wir versuchen es nicht einmal mehr. Wir alle haben Anfang 2022 Pläne gemacht, und wir alle wissen, wie das ausgegangen ist." Nataliia K. im Gespräch mit CT-Reportern in Prag.

Im Video: Nataliia K.

Nataliia K.
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Nataliia K.

Laut Matthew Saltmarsh vom UNHCR zeigen Umfragen immer wieder, dass die meisten Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren wollen. "Wenn man sie jedoch fragt: 'Beabsichtigen Sie, bald wieder nach Hause zu gehen?', sinkt die Zahl erheblich", erklärt er.

In Estland stellten ERR-Reporter (externer Link) diese Frage Polina, einer der 34.000 Geflüchteten, die in Estland leben. "Ich weiß nicht, wie ich die Frage beantworten soll, ob ich zurückgehen will, denn ich habe dort nichts mehr - ich müsste wieder bei null anfangen", sagt sie.

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Ukrainische Kriegsflüchtlinge protestieren mit Plakaten vor der russischen Botschaft in Rumänien

Der vierzehnjährige Pavlo, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt, fühlt sich ähnlich zerrissen. "In der Ukraine warten meine Freunde, meine Großeltern und mein Vater auf mich. Aber ich beginne hier ein neues Leben", sagte er gegenüber RTS-Reportern. 2.000 Kilometer weiter nördlich zieht Anna M. aus Mariupol ihre kleine Tochter in Schweden auf. Sie erklärt den Reportern des Schwedischen Rundfunks, dass ihre nächsten Schritte von den Nachrichten über ihren Mann abhängen, der an der Front gefangen genommen wurde.

Im Video: Anna M. aus Mariupol

Anna M.
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Anna M.

Inzwischen - drei Jahre, nachdem sie aus Odessa geflohen ist, nur mit ihren Katzen, ihrem Laptop und ihrer Kamera - kämpft Anastasiia in Brüssel immer noch damit, sich ihre Zukunft vorzustellen. "Egal, wie sehr ich versuche, an etwas festzuhalten, das meinem alten Leben ähnelt, das kann es nie sein. In der Zukunft werde ich vielleicht ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft sein, während ich sehr oft in meiner Heimat bin. Oder ich werde eine Arbeit finden, mit der ich zum Wiederaufbau meines Landes beitragen kann. Wir werden sehen. Im Moment lerne ich die Sprache und suche nach Jobs. So ist das eben."

"Ich denke, das ist das Wichtigste bei uns Flüchtlingen: Wir haben kurzfristige Ziele."

Im Video: Anastasiia V.

Anastasiia V.
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Anastasiia V.

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Inhalte von AFP (Frankreich), BR (Deutschland), CT (Tschechien), Franceinfo (Frankreich), ERR (Estland), ERT (Griechenland), LSM (Lettland), LRT (Litauen), RTBF (Belgien), RTE (Irland), RTP (Portugal), Suspilne (Ukraine) und SWI swissinfo.ch (Schweiz)

Weitere Berichte von Martin Sterba (CT), Catherine Tonero (RTBF), Sara Badilini (EBU), Olga Sosnina (Schwedischer Rundfunk).

Daten: DatosRTVE

Recherche und Koordination: Sara Badilini, Luis Garcia Fuster, Michelle Hough, Martin Sterba

Redaktionsassistenz: Kim Gittleson (EBU)

Übersetzung und Redaktion für den Bayerischen Rundfunk: Petra Zimmermann

Projektmanagement: Alexiane Lerouge (EBU)

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