Auf den ersten Blick ist es eine Rückkehr zum Gewohnten: Bayern ist nach der Bundestagswahl wieder einheitlich CSU-Land. Die Christsozialen sind in allen 47 Wahlkreisen der Erststimmen-Sieger. Auch bei den Zweitstimmen liegt Söders Partei überall vorne. Erreichten die Grünen 2021 noch den höchsten Anteil an Zweitstimmen in den Wahlkreisen München-Süd, -Nord und -West/Mitte gingen diese 2025 wieder an die CSU.
Aber blicken wir auf die Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten, denn hier hat sich einiges getan – überhaupt wurden die Stimmenanteile gegenüber der Bundestagswahl 2021 stark umverteilt. Vier Besonderheiten stechen heraus.
Teils große Verschiebungen in Bayerns Wahlkreisen
Im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 haben sich die Ergebnisse in allen Wahlkreisen Bayerns stark verändert. Der Osten des Freistaats sticht hervor, ebenso einige Wahlkreis im Allgäu und an der Grenze zu Thüringen.
In den ostbayerischen Wahlkreisen Passau und Deggendorf wurden in der Summe knapp 47 Prozentpunkte bei den Zweitstimmen umverteilt. Den meisten Zweitstimmen-Zuwachs hatten AfD und CSU, die höchsten Verluste hatten in Passau die SPD und die FDP, in Deggendorf die SPD und die Freien Wählern. Bei den Erstimmen waren es im Wahlkreis Passau sogar 48 Prozentpunkte, die anders vergeben wurden.
Die niedrigste Veränderung bei der Verteilung der Stimmanteile der Zweitstimmen gab es im Wahlkreis München-Süd – aber auch dort wurden 33 Prozentpunkte umverteilt. Den größten Zweitstimmen-Zuwachs verbuchten hier die CSU und die Linke, den höchsten Verlust die FDP. Bei den Erststimmen waren die Würzburger am konstantesten.
Interaktive Bayern-Karte: Wer hat wo gewonnen und verloren?
Die AfD: Viel Veränderung bedeutet viele Stimmen
Die Veränderung in den Wahlkreisen korreliert mit den Stimmenzuwächsen für die AfD. Die Partei der bundesweiten Spitzenkandidatin Alice Weidel hatte bayernweit die größten Zuwachsraten – wo es viel Veränderung gab, gab es viele zusätzliche Stimmen für die AfD.
Entsprechend erzielte die AfD im Osten Bayerns sehr gute Ergebnisse. Vier der zehn westdeutschen Wahlkreise, in denen die AfD den höchsten Anteil der Zweitstimmen erreicht, liegen im Osten Bayerns: Deggendorf, Schwandorf, Straubing und Rottal-Inn.
Interaktive Grafik: AfD-Zweitstimmen-Ergebnis in Bayern
In einigen Gemeinden hat die AfD sogar die Mehrheit der Zweitstimmen geholt – zum Beispiel in Arrach im Landkreis Cham, in Prackenbach und in Kirchdorf, beide im Landkreis Regen. In Hohenwarth und Grafenwiesen, beide im Landkreis Cham, gab es zusätzlich die Mehrheit der Erststimmen:
Auch der bayerische Osten fühlt sich abgehängt
Warum die AfD – wie auch bereits bei der Europawahl – im Osten Bayerns besonders gut abschneidet, ist eine Frage ohne einfache Antworten.
Alexander Straßner, Politikwissenschaftler an der Universität Regensburg, nennt einen möglichen Faktor: "Im Osten Bayerns findet sich die Bevölkerung von der Bundespolitik am stärksten nicht mehr repräsentiert – die in den letzten Jahren betriebenen Diskurse liefen meilenweit an der Lebensrealität der Menschen vorbei." Beispiele dafür seien etwa das Heizungsgesetz oder die Mobilitätswende.
- Zum Artikel: AfD-Hochburg Bayerischer Wald – warum eigentlich?
Jörg Siegmund, Wahlforscher an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, sieht das ähnlich: Die AfD sei in der Peripherie besonders stark – an den Grenzen Bayerns und in ländlichen Regionen. "Möglicherweise spielt da auch die Wahrnehmung mancher Wählerinnen und Wähler dort eine Rolle, dass sich im Grunde die bayerische Landespolitik vor allen Dingen um die städtischen Zentren und die Boom-Regionen kümmert und das flache Land ein bisschen vernachlässigt."
Die Direktorin der Tutzinger Akademie, Ursula Münch, erklärt den Erfolg der AfD im Gespräch mit dem BR generell auch mit Ängsten in der Arbeitnehmerschaft, verbunden mit Globalisierung und Fluchtbewegungen. "Die wollen eine Partei, die zusätzliche Migration eher fernhält, die vor allem Flüchtlinge fernhält."
Freie Wähler: Nur Aiwanger punktet in seinem Wahlkreis
Bei der Bundestagswahl 2021 konnten sich die Freien Wähler noch in mehreren Wahlkreisen als zweit- und drittstärkste Kraft behaupten. Im Jahr 2025 haben sie deutlich verloren – nur noch in einem bayerischen Wahlkreis sind sie Nummer drei, sonst Nummer vier oder fünf.
In diesem einen Wahlkreis – Rottal-Inn – war Hubert Aiwanger Direktkandidat. Und auch wenn sein Plan von "Drei plus x Direktmandate" nicht aufging – Sympathien in seiner Region hat er noch, jedenfalls größere als seine Partei. Die Menschen haben sich hier häufiger dazu entschieden, Aiwanger ihre Erststimme zu geben (23,0 Prozent), die Zweitstimme den Freien Wählern (10,5).
Insgesamt verlieren die Freien Wähler vor allem an die AfD. Politikwissenschaftler Straßner meint dazu: Dadurch, dass sich fast alle Parteien auf die Themenfelder Migration und Wirtschaft besonnen haben, konnten die Freien Wähler im Gegensatz zur Landtagswahl nicht mehr in der Form punkten. "Auch die Selbstinszenierung als Rebell gegenüber den Berliner Eliten ist Aiwanger nicht mehr geglückt", sagt der Experte.
Die Grünen: In Bayern mit dem geringsten Verlust
Die Verlierer der Bundestagswahl waren auch in Bayern die Ampelparteien: FDP, Grüne und SPD konnten ihr Ergebnis von 2021 in keinem bayerischen Wahlkreis verbessern. Die Grünen kamen bundesweit noch am besten weg – und nirgends so gut wie in Bayern.
Die Grünen verzeichneten im Freistaat im Mittel ein Minus von 2,1 Prozentpunkten – sie fielen von 14,2 auf 12 Prozent Stimmanteile. Betrachtet man die abgegebenen Stimmen, sind es "nur" 10,4 Prozent weniger. In keinem anderen Bundesland haben die Grünen weniger verloren. In Niedersachsen, wo sie von 16,1 auf 11,5 Prozent Stimmanteil fielen, war der prozentuale Stimmverlust doppelt so hoch.
Das zeigt sich auch darin, dass die Grünen die einzige Partei neben der AfD sind, die als zweitstärkste Kraft auftritt: In neun Wahlkreisen ist das der Fall. Die SPD dagegen, die 2021 noch in 37 Wahlkreisen zweitstärkste Kraft war, findet sich erst auf Rang drei wieder.
Und es sind auch nicht nur bayerische Städte, in denen die Grünen von den Wählerinnen und Wählern verschont wurden. Im Wahlkreis Weiden etwa verloren sie nur 1,2 Prozentpunkte – während die SPD von 22,4 auf 11,7 Prozent fiel.
Interaktive Bayern-Karte: Zweitstärkste Kraft nach Zweitstimmen
Die Linke: Historisches Ergebnis im Freistaat
Eine weitere Neuheit in Bayern: Die Linke ist im Aufwind. Die Partei fuhr ihr zweitbestes Ergebnis im Freistaat überhaupt ein. War sie 2021 über alle bayerischen Wahlkreise hinweg erst ab Rang sechs der Zweitstimmen zu finden, landet sie in diesem Jahr in zwei Wahlkreisen auf Rang 4: In Nürnberg-Nord und München-Süd. Und auch in Augsburg-Stadt holte die Partei über 10 Prozent der Zweitstimmen.
Politikwissenschaftler Straßner führt diesen Erfolg vor allem darauf zurück, dass die Linken Themen wie bezahlbarer Wohnraum und urbane Mobilität besetz haben, während die anderen Parteien sich an den dominanten Themen Migration und Wirtschaft abarbeiteten. "Hier hat ein aggressiver, personenorientierter Wahlkampf mit viel Basisarbeit und einer charismatische Führungsfigur wie Heidi Reichinneck viel abgegrast."
- Zum Artikel: Das sind die Gründe für den Linken-Wahlerfolg
Interaktiv: Das sind die Ergebnisse in Bayerns Wahlkreisen
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