Die Einrichtungen zur Notversorgung in Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber stehen auf der Kippe. Im vergangenen Jahr musste die Rotkreuzklinik Lindenberg im Allgäu schließen. Und bereits seit 2020 gibt es in Parsberg in der Oberpfalz kein Krankenhaus mehr – es konnte nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden.
Zurück bleiben rote Flecken auf der Bayernkarte. Jeder rote Fleck steht für eine Gemeinde, in der die Betroffenen mit dem Auto durchschnittlich 25 Minuten oder länger in ein Allgemeinkrankenhaus fahren müssen. Das ergibt eine Datenauswertung von BR24 und dem Science Media Center (SMC) (externer Link) in Zusammenarbeit mit Tim Holthaus, der an der Universität Wuppertal zu Stadtlogistik und Erreichbarkeit forscht.
Bayernkarte: So lange benötigen die Menschen im Schnitt in ein Krankenhaus
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In die Berechnungen gingen alle Kliniken in Bayern und Kliniken in den Grenzregionen in benachbarten Bundesländern ein, die mindestens eine Grundversorgung der Patientinnen und Patienten leisten können, oder eine Hochschulklinik sind. Fachkrankenhäuser wurden ausgeschlossen. Übrig bleiben rund 200 Allgemeinkrankenhäuser für die Menschen in Bayern. Besonders wenige gibt es im Zentrum, wo die Oberpfalz, Ober- und Niederbayern aneinandergrenzen.
In dieser Region liegt auch die Gemeinde, in der die Menschen im Schnitt am längsten in ein Krankenhaus benötigen: der Markt Breitenbrunn im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz. Durchschnittlich brauchen die Einwohnerinnen und Einwohner knapp 40 Minuten – je nach genauem Wohnort beträgt die Fahrtzeit zwischen 32 und 44 Minuten. Die nächstgelegenen Krankenhäuser befinden sich in der Kreisstadt Neumarkt, in Altdorf bei Nürnberg, in Kelheim oder in Regensburg.
Auch Seubersdorf in der Oberpfalz (circa 33 Minuten) und die Stadt Dietfurt an der Altmühl (circa 34 Minuten), beide im Landkreis Neumarkt, sind von langen Fahrzeiten betroffen. Dieses Problem treibt auch Dietfurts Bürgermeister Bernd Mayr (Freie Wähler) um: "Es sind circa 35 Kilometer nach Neumarkt beziehungsweise nach Kelheim. Das heißt: Eine gute halbe Stunde wird natürlich dieser Rettungswagen unterwegs sein. Wir sind leider nicht in der glücklichen Lage, dass wir ein Krankenhaus in der unmittelbaren Nähe haben."
Weite Fahrtwege in die Klinik auch für Angehörige
Die in der Datenauswertung genannten Fahrzeiten beziehen sich auf "normale" Autofahrten, nicht auf Rettungseinsätze. Krankenwagen sind in der Regel etwas schneller unterwegs. Dennoch: Auch für diese Einsätze kann die schnelle Erreichbarkeit von Krankenhäusern im Notfall über Leben und Tod entscheiden. "Bei einem Schlaganfall zum Beispiel, da ist ein Leitsatz 'Time is Brain'. Der Patient sollte möglichst schnell im Krankenhaus sein", sagt Kerstin Zapf. Sie ist ehrenamtliche Rettungssanitäterin bei "Helfer vor Ort" in Dietfurt.
Abgesehen von Notfällen haben die weiten Anfahrtswege weitere Nachteile: Für ältere Menschen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist es schwer, weit entfernte Kliniken zu erreichen – insbesondere auf dem Land, wenn öffentliche Verkehrsmittel fehlen. Auch für Angehörige bedeutet eine lange Anfahrt einen erhöhten zeitlichen und finanziellen Aufwand. Regelmäßige Besuche der Patientinnen und Patienten werden erschwert.
Eine unzureichende Krankenhausinfrastruktur gefährdet somit nicht nur die medizinische Versorgung, sondern kann auch eine emotionale Belastung für Betroffene und ihre Familien sein.
70.000 Menschen brauchen länger als 30 Minuten
Auch innerhalb einzelner Gemeinden können große Unterschiede bestehen. Selbst in der Landeshauptstadt München leben Menschen, die beispielsweise im Norden der Stadt wohnen und etwa 20 Minuten bis zum nächsten Krankenhaus fahren müssen – die durchschnittliche Fahrzeit in München beträgt jedoch nur knapp fünf Minuten. In Bayern sind insgesamt rund 70.000 Menschen von Auto-Fahrzeiten von mehr als 30 Minuten betroffen.
Säulendiagramm: So viele Menschen in Bayern sind von den Fahrzeiten betroffen
Längere Rettungs- und Fahrtwege sind nun auch in Lindenberg im Allgäu in Schwaben Realität. Seit vergangenem Jahr gibt es dort kein Krankenhaus mehr. Die Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz hatte zuvor nicht nur für ihre Kliniken in Wertheim bei Würzburg und München Insolvenz anmelden müssen, sondern auch für die Rotkreuzklinik in Lindenberg. Wertheim und Lindenberg sind inzwischen geschlossen.
Die Lindenberger – vor der Insolvenz in wenigen Minuten am Krankenhaus – benötigen jetzt im Schnitt 19 Minuten. In den Daten sticht zudem die Gemeinde Oberreute in der Nähe von Lindenberg hervor: Von dort sind Patientinnen und Patienten jetzt im Schnitt 27 Minuten mit dem Auto unterwegs. Ab Mai dürfte sich die Situation dort bei Notfällen aber wieder ein wenig entspannen: Übergangsweise soll in der Gemeinde zumindest ein Rettungswagen stationiert werden.
Aus dem Landratsamt in Neumarkt heißt es wiederum: eine Notfallversorgung sei durch die Rettungswache Parsberg sowie den Notarztstandort Parsberg sichergestellt. Außerdem: Durch die Inbetriebnahme des Hubschrauber-Landeplatzes auf dem Dach des Klinikums Neumarkt sei die Notfallversorgung im Landkreis bei lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Herzinfarkt, schwere Verkehrsunfälle und Schlaganfall verbessert. In Seubersdorf hat das BRK zudem einen neuen Standort für den Rettungsdienst eröffnet.
Entscheidung in Dinkelsbühl und Rothenburg vertagt
Die Entscheidung darüber, wie es mit den Krankenhäusern in Dinkelsbühl und Rothenburg weiter gehen soll, wurde am 19. Februar erstmal vertagt. Ein Vorschlag für die Zukunft des Klinikverbunds sieht vor, das Klinikum Ansbach auszubauen und die Kliniken in Dinkelsbühl und Rothenburg zu ambulanten Gesundheitszentren umzubauen. Mit schweren Notfällen könnten diese Standorte dann nicht mehr angefahren werden. Die Anfahrtszeiten für die Bevölkerung zu einem Allgemeinkrankenhaus würden sich ebenfalls deutlich verlängern.
Karte: So lange benötigen die Menschen in Ansbach und Umgebung in ein Krankenhaus
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Im Video: Krank auf dem Land, wenn jeder Kilometer zählt
Notfallversorgung im Landkreis Ansbach
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