Selbst unter russischen Agenten scheint Präsident Wladimir Putin Irritationen ausgelöst zu haben, seit seine Vertreter mit denen seines US-Kollegen Donald Trump über die Beendigung des Ukrainekriegs beraten. Jedenfalls sagte Putin vor der versammelten Spitze des Inlandsheimdiensts FSB: "Wir wissen, dass nicht alle mit der Wiederaufnahme der russisch-amerikanischen Kontakte zufrieden sind. Einige in den westlichen Eliten sind noch immer entschlossen, die Instabilität in der Welt aufrechtzuerhalten, und diese Kräfte werden versuchen, den begonnenen Dialog zu stören oder zu gefährden."
"Es ist wie ein Minenfeld"
Die russischen Geheimdienste müssten daher "alle Möglichkeiten" nutzen, um solche Versuche zu unterbinden, so Putin. Unterdessen sollen Kreml-Propagandisten die russischen Medien insgeheim aufgefordert haben, sich mit übertriebenem Lob für Donald Trump zurückzuhalten: "Wenn die Verhandlungen zu nichts führen, können wir immer noch sagen: Wir haben es wenigstens versucht, wir haben alles Nötige getan."
Die in Amsterdam erscheinende "Moscow Times" zitiert in diesem Zusammenhang einen anonymen TV-Funktionär mit den Worten: "Es ist wie ein Minenfeld: Es darf weder zu viel Lob noch zu wenig Lob [für Trump] sein. Daher belassen wir es bei reiner Faktendarstellung. Um auf Nummer sicher zu gehen."
"Hier hat jemand was vermasselt"
Auch Politologen sind über Putins "Charmeoffensive" Richtung Trump verwirrt. So schrieb Georgi Bovt zur Meldung, der Kreml wolle den USA frontnahe Lagerstätten von Seltenen Erden zur Ausbeutung überlassen: "Es ist unwahrscheinlich, dass ein solcher Vorschlag tatsächlich gemacht wurde. Es widerspricht der geltenden Gesetzgebung der Russischen Föderation. Ausländische Unternehmen dürfen keine strategisch wichtigen Industriezweige besitzen, schon gar keine Seltenen Erden. Hier hat jemand eindeutig was vermasselt."
Dabei setzt Putin nach Einschätzung der russischen Beobachter keineswegs nur die diplomatische Gesichtswahrung aufs Spiel: "Angesichts intensivierter Verhandlungen über die Beendigung des Krieges ist eine Abnahme der Motivation der Soldaten zu verzeichnen. Wir haben davor gewarnt, Leute mit hochrangigen Schulterklappen schreiben in ihren Berichten, dass alles in Ordnung sei, aber leider ist das nicht der Fall. Niemand will am letzten Tag sterben, da kann man die Jungs verstehen."
Russische Generäle halten Gerüchte über ein baldiges Kriegsende demnach für "schädlich": "Wir denken darüber nach, wie wir Gespräche darüber an der Front unterbinden können."
BR24
Militärblogger warnen, Verhandlungen mit den USA könnten die Front buchstäblich "destabilisieren" und die Entschlossenheit der Kämpfer schwächen. So wird ein General mit dem Satz zitiert: "Jeder weiß, dass der von der Ukraine eroberte Teil der russischen Region Kursk gegen irgendetwas eingetauscht wird. Was bringt es dann, zu sterben und zu versuchen, ihn zurückzuerobern? Wenn wir das in sechs Monaten nicht geschafft haben, wird sich in einer Woche mit Sicherheit nicht viel ändern. Und wir verlieren dabei Jungs."
"Jetzt ist alles noch verwirrender"
Putin geht mit seiner Kurskorrektur offenbar ein hohes Risiko ein. "Unsere Eliten gerieten in Verlegenheit. Es wurde ihnen einmal mehr untersagt, den Gang der Dinge aufzuhalten, allerdings in die entgegengesetzte Richtung von 2022. Wer sich nicht daranhält, bei dem könnte eine Granate an Bord seines Privatjets explodieren", spottete einer der Blogger: "Die Moral der Soldaten wird im gleichen Maße sinken, wie die Informationsflut rund um den Deal [mit den USA] zunimmt. Die Moral der Truppen wurde ohnehin allein durch Propaganda aufrechterhalten, da es für die Spezialoperation keine klaren Ziele gab. Jetzt ist alles noch verwirrender geworden."
"Die Toten werden nicht wieder lebendig"
Fazit eines Bloggers mit 152.000 Fans: "Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es für die Behörden, die wachsende Unzufriedenheit unter den Militärs einzudämmen, denen klar wird, dass ihre Mühen, ihre Leiden und ihre Opfer vergebens waren."
TV-Propagandist Alexander Sladkow (872.000 Follower) behauptete, Russland sei es nie um die Eroberung neuer Territorien gegangen, sondern um seinen "Status" in der Welt. Dazu Politologe Andrei Nikulin ironisch: "Was für ein herrlicher Paradigmenwechsel, mit welcher Freude man das jetzt alles liest, gespannt, was uns die geläuterten Propagandisten als nächstes auftischen, in einem neuen, herb-pragmatischen Stil. Das alles ist natürlich lachhaft und gespenstisch. Aber die Toten werden nicht wieder lebendig."
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