Von der Straße aus nicht einsehbar, direkt neben der Güllegrube: Dort hatte der Landwirt aus dem nördlichen Oberallgäu die 30 verendeten Rinder abgelegt. Das schildern Vertreter der Veterinäramtes Oberallgäu im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. Weitere 120 Rinder und 55 Schweine hätten sie bei der Kontrolle vor gut einer Woche halb verhungert im Stall gefunden.
Ein Fall mit einer Dimension, an die sich Landrätin Indra Baier-Müller (Freie Wähler) während ihrer Amtszeit nicht erinnern kann: "Und auch nicht die Kollegen, die schon länger dabei sind." Ein Fall, der auch in der Behörde niemanden kaltlässt: "Das beschäftigt schon, wenn man tote Tiere vorfindet. Das geht nicht spurlos an einem vorbei."
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Lage innerhalb von Wochen dramatisch verschlechtert
Die Verwahrlosung des Betriebs und der Tiere muss rasant gegangen sein: Aus dem Verwesungsgrad der Tiere schließen die Amtstierärzte, dass sich die Lage auf dem Hof innerhalb der letzten acht bis zehn Wochen dramatisch verschlechtert hat.
Der betroffene Landwirt hat dem BR am Montag von einer ähnlichen Zeitspanne berichtet: Anfang des Jahres habe es angefangen, dass die Tiere nach und nach umgefallen und tot gewesen seien. Warum es dazu gekommen ist und woran die Tiere gestorben sind, ist noch unklar und wird derzeit untersucht. Hinweise auf einen Seuchenausbruch auf dem Hof gibt es laut dem Veterinäramt aber nicht.
Betrieb seit Jahren unter Beobachtung
Seit Mitte der 2010er-Jahre hat das Landratsamt den Bauernhof etwa einmal pro Jahr kontrolliert. Im Fokus dieser Kontrollen standen laut Veterinäramt Lebensmittelsicherheit, Tierseuchenschutz und Trinkwasser. "Natürlich ist dabei auch immer ein Blick in den Stall geworfen worden", heißt es im Gespräch mit dem BR. Gravierende Tierschutzverstöße seien dabei nicht aufgefallen, berichtet Landrätin Baier-Müller. "Bei den Kontrollen hat vielleicht einmal eine Kuh gelahmt. Aber in dem Maße, wie es jetzt stattgefunden hat, gab es keine Hinweise in der Vergangenheit."
Kontrolle auf dem Hof bereits geplant gewesen
Der ehemalige Milchviehbetrieb hätte nach Angaben des Landratsamts im Februar – gut ein Jahr nach der letzten Kontrolle – wieder kontrolliert werden sollen. Ende Januar sei in der Behörde zusätzlich ein Hinweis aus der Bevölkerung über Unregelmäßigkeiten auf dem Hof eingegangen. Daraufhin sei die Kontrolle in die Wege geleitet worden, an deren Ende die Räumung des Betriebs am vergangenen Wochenende stand.
Regelmäßige Tierschutz-Kontrollen auf allen landwirtschaftlichen Betrieben gibt es nicht, sie seien vom Gesetzgeber auch nicht vorgeschrieben, so Landrätin Baier-Müller. "Wenn uns zur Kenntnis gebracht wird: Da gibt es etwas, was man anschauen sollte, dann tun wir das", sagt sie. Anlassbezogene Kontrollen fänden statt. "Aber es ist jetzt nicht so, dass wir in jeden Stall reingucken." Im Landkreis Oberallgäu und der Stadt Kempten gebe es etwa 2.800 Ställe. "Ich glaube, wir sind einer der Landkreise mit der größten Hofdichte in Deutschland", so Baier-Müller. Sie sieht in erster Linie auch die Landwirte in der Pflicht, sich um ihre Tiere zu kümmern und unter Umständen einen Tierarzt zu rufen.
Staatsanwaltschaft ermittelt
Die 175 überlebenden Tiere – 120 Rinder und 55 Schweine – sind zwischenzeitlich in leerstehenden Ställen untergebracht worden, wo sie getrennt von anderen Tieren betreut werden. "Wir werden jetzt dafür sorgen, dass sie dort auch noch mal tierärztlich untersucht werden und schauen dann, wie wir weiter mit diesen Tieren umgehen", sagt Landrätin Baier-Müller. "Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen. Alles weitere läuft jetzt über die Justiz."
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